„Jedes dritte Spiel werde ich rassistisch beleidigt“ 

Podcast und Text von Franzi Jutz und Vincent Rombach

Rassismus im Fußball ist überall: unter den Spielern, den Fans, auf dem Fußballfeld und in den Chefetagen. Auch im Profibereich hat struktureller Rassismus eine traurige Tradition. Zwei Amateurfußballer berichten im Gespräch über ihre Rassismuserfahrungen. Ein Einblick in einen Sport, in dem es oft nicht so fair zugeht, wie es in Image-Videos von Fußballvereinen und vom Deutschen Fußballbund dargestellt wird.

Michael Kojo, 28, ist in Freiburg geboren und aufgewachsen. Er ist Fußball-Trainer beim SVO Rieselfeld, einer der größten Sportvereine in Freiburg. Foto: SVO Rieselfeld

Kniende Spieler und Regenbogen-Kapitänsbinden auf der einen Seite, Affenlaute und rassistische Beleidigungen auf der anderen – auch bei der Europameisterschaft im Juli 2021 hat sich gezeigt: Fans und Schwarze Spieler sehen sich immer wieder rassistischen Äußerungen von den Rängen gegenüber. Unzählige Beispiele aus dem männlichen Profifußball zeigen, wie verbreitet das Problem ist: Die Brüder Hamit und Halil Altintop, Spieler in der Türkei und in Deutschland, haben schon 2006 den Rassismus angeklagt, den sie von Gegenspielern erlebten. Den beiden Innenverteidigern Jordan Torunarigha vom Herta BSC Berlin und Antonio Rüdiger vom FC Chelsea ist ähnliches widerfahren. In einem Spiegel-Interview aus dem Jahr 2020 hat Rüdiger auch die Menschen als „Mittäter“ bezeichnet, die danebenstehen und nichts tun, wenn Menschen rassistisch beleidigt werden.

Dabei fangen rassistische Beleidigungen junger Fußballer schon in sehr frühem Alter an. Eine Dokumentation von Sport Inside hat im September 2021 aufgedeckt, wie im Nachwuchs-Campus des FC Bayern München und anderer Proficlubs Jugendspieler über Jahre hinweg Opfer von Rassismus, Diskriminierung und Gewalt durch ihre Trainer wurden. Betroffene sprachen später von einem „Klima der Angst“ und einem „rechtsfreien Raum“. Heftige Beleidigungen wurden in WhatsApp-Gruppen versendet. Den Trainern, die Kritik äußerten oder damit an die Öffentlichkeit gingen, wurde fristlos gekündigt. Bis heute gibt es beim FC Bayern keine Anlaufstelle für Opfer oder Zeugen rassistischer Gewalt.

Im Podcast sprechen Franzi und Vincent mit dem Fußballer Celestino Gombo, auch Celes genannt.

Michael Kojo und Celestino Gombo, auch Celes genannt, sind zwei Amateurfußballer aus Freiburg und Bittburg. Im Gespräch haben auch sie über die rassistischen Beleidigungen berichtet, denen sie auf dem Fußballplatz ausgesetzt sind. Michael kritisiert vor allem, dass Rassismus oft bagatellisiert wird. Er habe schon oft Aussagen gehört wie: „Ach, so schlimm ist es doch gar nicht“ oder „Das kann gar nicht sein, dass dir so etwas passiert ist“. Der Fußballplatz sei oft ein Ventil für negative Emotionen, deswegen kämen hier Vorurteile und Stereotypen besonders zum Vorschein. „Im normalen Leben behaupten sie von sich, dass sie keine Rassisten sind oder sind vielleicht tatsächlich keine Rassisten“, meint er über Gegner, die ihn rassistisch beleidigen, „Doch tief innen drin haben sie noch Einstellungen verankert, die sie zu diesen grenzwertigen Aussagen verleiten.“

Celestino Gombo ist ein Fußballer aus Bittburg. Foto: Verein FC Bitburg

Celes erzählt, dass er schon mit dreizehn Jahren das erste Mal auf dem Fußballplatz rassistisch beleidigt wurde und auch heute noch jedes dritte Spiel damit konfrontiert wird. Mario Balotelli sieht er als sein Vorbild. Balotelli ist Stürmer, spielt momentan in der türkischen Süper Lig und wurde bei Spielen in der italienischen Liga und bei Länderspielen für Italien von Fans mit Affenlauten beschimpft. Celes hat ein besonderes Verhältnis zu ihm: „Er ist ein gestandener Mann, eins neunzig groß, durchtrainiert, du kriegst Angst, wenn er anläuft. Dann sitzt er auf der Bank und weint, weil er selbst daran zerbricht und auch selbst keine Lösung dafür sieht. Das tut schon im Herzen weh, wenn man das als Schwarzer sieht.“ 

Auch in den Chefetagen im deutschen Fußball wird der Rassismus nicht überall ernst genommen. Im August 2019 hatte sich Clemens Tönnies, damals noch Präsident von Schalke 04, rassistisch über Afrikaner:innen geäußert. Ernstzunehmende Konsequenzen gab es dafür keine.

Dietmar Hopp, Mäzen und Investor beim TSG Hoffenheim, wandte sich 2020 an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit der Bitte, Beleidigungen gegen ihn als Diskriminierung anzusehen und genauso konsequent wie Rassismus zu ahnden. Laut Michael, dem 28-Jährigen Fußballer aus Freiburg, gäbe es eine einfache Lösung für das Rassismus-Problem: „Wenn mehr ausländische Personen in den Chefetagen sitzen würden, die auch selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben, würde Rassismus besser bekämpft werden können.“ Zu Dietmar Hopp hat er eine klare Meinung: „Wenn nur ein Spieler beleidigt wird, ist es heute leider nicht so schwerwiegend, wie wenn ein Geldgeber beleidigt wird. Der könnte sich auch einfach aus dem Fußball zurückziehen“, kritisiert er. Dann würde es bei Hoffenheim und anderen Vereinen aber an Einnahmen fehlen. „Ich finde es traurig, dass man immer erst eine Machtposition haben muss, um geschützt zu werden.“

Rassismus ist im Fußball leider allgegenwärtig. Foto: Kamran Hussain
Mario Balotelli wurde von Fans mit Affenlauten beschimpft. Foto: Kamran Hussain

Der DFB versucht immer wieder, mit Anti-Rassismus-Kampagnen Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Prominente Spieler sagen „no to racism“ in die Kamera, oder Kapitäne lesen vor Spielen eine Botschaft vor. Celes hält wenig von solchen Kampagnen: „Es gibt viele Aktionen und Parolen vom DFB, aber in meinen Augen ist das alles sehr alibimäßig. Da ist nichts Wahres dran.“

Es wird also noch eine Weile dauern, bis das Ausmaß des Problems von Fans, Spielern, Managern und Verbänden anerkannt werden wird. Damit man sich eines Tages auch wieder ausschließlich den schönen Seiten des Fußballs widmen kann, hat Michael noch einen Ratschlag: „Wenn jeder einen ausländischen Freund hätte, mit dem er sich unterhalten kann, wäre die Welt auf jeden Fall ein Stück besser.“

Über die Autor:innen
Franzi Jutz
Franziska Jutz

Franzi ist 19 Jahre alt, kommt aus Bitburg, aber lebt zurzeit in Strasburg, wo sie ihren deutsch-französischen Freiwilligendienst absolviert. In ihrer Freizeit kocht sie gerne, liest, oder schaut Serien. Ihre Leidenschaft ist das Reisen.

Vincent Rombach

Vincent studiert in Freiburg fleißig Philosophie und Germanistik. In seiner Freizeit macht er gerne Musik, probiert sich an allen möglichen Sportarten oder sitzt in einem Café und beobachtet Menschen.

Zurück nach oben
%d Bloggern gefällt das: