„Sie behaupten, sie seien keine Rassisten“

Interview Vincent Rombach

Rassismus im Fußball ist überall: unter den Spielern, den Fans, auf dem Fußballfeld und in den Chefetagen. Auch im Profibereich hat struktureller Rassismus eine traurige Tradition. Das erlebt der Freiburger Michael Kojo, Trainer vom SVO Rieselfeld hautnah. Ein Gespräch.

Vincent Rombach: Michael, in einer Rede auf einer Black-Lives-Matter-Demonstration sagst du, dass du den Menschen, die andere Menschen rassistisch beleidigen, eigentlich nicht böse bist. Wie kann das sein?

Michael Kojo: Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen, die rassistische Aussagen tätigen, sich gar nicht bewusst sind, dass ihre Aussagen rassistisch sind. Wenn es ihnen bewusst ist, sind sie oft von der Fehlinformation geleitet, dass sie etwas Besseres sein könnten oder dass die andere Person einem Stereotyp entspricht. Oft tut es ihnen danach noch mehr leid, wenn sie mich kennenlernen und herausfinden, wer ich wirklich bin.

Du setzt dich nicht nur gegen Rassismus ein – du bist Fußballspieler und -trainer, Fitnesstrainer, Marathonläufer, Start-Up-Gründer und gläubiger Christ. Zudem verteilst du für die Tafel Essen an Obdachlose. Woher nimmst du deine Energie?

Die meisten Sachen waren eher spontan Aktionen und nicht im Vorfeld geplant. Aber allgemein bin ich jemand, der nicht ruhig danebenstehen kann, wenn mir etwas auffällt. Auf der Demo war ich zuerst nur Zuschauer und Mitdemonstrant. Dann habe ich aber die Chance bekommen, etwas zu sagen, weil eine Freundin von mir mich auf die Bühne geholt hat. Ich hatte das Gefühl, ich muss etwas sagen, weil einige Redebeiträge meiner Meinung nach in die falsche Richtung gegangen sind. Als ich auf der Bühne stand, habe ich gar nicht realisiert, dass es so viele Menschen sind, die da vor mir stehen.

Wo begegnet dir Rassismus im Fußball?

Vor allem, wenn man auf dem Dorf spielt. In Situationen, in denen das Gegenüber gereizt sein könnte und ihm Dinge rausrutschen merkt man, dass der Rassismus doch noch tief in den Personen verankert ist. Im normalen Leben behaupten sie von sich, dass sie keine Rassisten seien oder sind vielleicht tatsächlich keine. Doch tief innen drin haben sie noch Einstellungen verankert, die sie zu diesen grenzwertigen Aussagen verleiten. Aber Rassismus begegnet mir zum Beispiel auch in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Suchst du nach solchen Vorfällen das Gespräch mit den Personen?

Ich bin danach meistens so aufgebracht, dass ich kein normales Gespräch mehr führen kann. Ich muss mich danach erst einmal beruhigen und sammeln. Es würde für mich also keinen Sinn machen, danach das Gespräch zu suchen. Dass Gegner danach auf mich zukommen, ist eher die Seltenheit. Klar, der ein oder andere entschuldigt sich danach, das ist dann auch ok. Ich muss mich dann trotzdem erstmal beruhigen. Aber groß darüber geredet wird dann nicht mehr. 

Was sagen Fans, Trainer und Mitspieler dazu?

Mitspieler versuchen oft, mich zu schützen. Auch unsere Trainer stehen hinter uns. Es gab auch schon die Aussage, dass wir mit der ganzen Mannschaft geschlossen vom Platz gehen, wenn so etwas nochmal passiert. Das ist zwar noch nie passiert, fände ich aber trotzdem cool. Weil dadurch den Personen klar gemacht wird, dass ihr Verhalten so nicht geht. Oft denke ich, dass es den meisten gar nicht bewusst ist oder sie es als Kleinigkeit abtun. So könnte man darauf nochmal Gewicht legen.

Was sagst du zu deinen Spielern, wenn sie Erfahrungen mit Rassismus machen?

Das erste, was ich ihnen sage, ist, dass die Personen, die rassistische Aussagen tätigen, dumm sind. Der Fehler liegt also klar auf der anderen Seite. Man muss sich also keinen so großen Kopf darüber machen. Das ist aber leichter gesagt als getan. Ich merke das ja, wenn mir so etwas passiert. Wie man damit umgehen kann, ist eine sehr individuelle Sache. Der eine ist wie ich, der das ganze bei der Gegenseite anspricht, dann aber nach einer gewissen Zeit auch abhaken kann. Andere wollen und müssen das vielleicht auch aufarbeiten.

Wie muss die Gesellschaft sich verändern, um das Problem des Rassismus zu bekämpfen? 

Ich denke auf jeden Fall, dass darüber geredet werden muss, was aber auch schon passiert. Den Menschen muss klar gemacht werden, dass gewisse Dinge einfach nicht gehen und sich andere Menschen aufgrund ihrer Aussagen und Tätigkeiten schlecht fühlen. Rassismus passiert immer auf Kosten eines anderen Menschen. Wenn Rassismus geschieht, ist es die Aufgabe von jedem, da einzuschreiten. Da ich in solchen Momenten sehr aufbrausend bin, würde ich mir wünschen, dass die Leute um mich herum das Gespräch suchen und die andere Person auf ihren Fehler hinweisen. Oft ist es so, dass der Rassismus bagatellisiert oder gar nicht wahrgenommen wird. Ich habe schon oft so Aussagen gehört wie: „Ach so schlimm ist es doch gar nicht“ oder „Das kann gar nicht sein, dass dir so etwas passiert ist.“ Viele haben keinen Bezug dazu, weil ihnen so etwas noch nie passiert ist. Sie gehen davon aus, dass nur weil sie niemanden rassistisch beleidigen, es auch niemand anderes tun würde. Sie wechseln die Perspektive nicht. Das ist meiner Meinung nach das größte Problem. 

Und was kann jeder Einzelne von uns gegen Rassismus tun?

Wenn jeder einen nicht-weißen oder nicht-deutschen Freund hätte, mit dem er sich unterhalten kann, wäre die Welt auf jeden Fall ein Stück besser. Dadurch lernt man andere Kulturen kennen und merkt, dass die Vorurteile gar nicht dem entsprechen, was man immer gedacht hat.


Interviewpartner
Michael Kojo
Foto: Tom Chansiraphet

Michael Kojo ist 28 Jahre alt, in Freiburg geboren und aufgewachsen und hat International Engineering in Villingen-Schwenningen studiert. Er ist Fußball-Trainer beim SVO Rieselfeld, einer der größten Sportvereine in Freiburg. Er ist der Sohn eines Pastors. Gerade ist er dabei, seinen Master in General Management zu machen.

Über den Autor
Vincent Rombach

Vincent studiert in Freiburg fleißig Philosophie und Germanistik. In seiner Freizeit macht er gerne Musik, probiert sich an allen möglichen Sportarten oder sitzt in einem Café und beobachtet Menschen.

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