Prekäre Lebensverhältnisse und Isolation: Alarmsignale für ausländische Studierende

Von Eva Bensaha

Stell dir vor, du lebst im Libanon und kommst nach Frankreich, um hier zu studieren. Du musst deine Aufenthaltsgenehmigung jedes Jahr verlängern. Heute Morgen hast du immer noch keine Antwort von der zuständigen Behörde erhalten. Die Folge: Du kannst deinen Aufenthalt nicht mehr rechtfertigen. Du verlierst deinen Job und kannst deine Miete nicht mehr bezahlen.

In dieser Situation befinden sich 1900 Studierende im Elsass. 1900 Menschen, die unter dieser Situation leiden und jeden Tag kämpfen müssen. Précillia Figier, Vizepräsidentin des Bereichs Soziales des Allgemeinen Studentenverbands von Straßburg (AFGES), steht im Mittelpunkt des Kampfes gegen diese prekäre Lage.

Précillia Figier

Derzeit sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien angespannt. Hat das Auswirkungen auf die Schwierigkeiten der Studierenden, die zum Studium nach Frankreich kommen?

Algerische Studierende haben Schwierigkeiten, ein Visum zu erhalten. Das wirkt sich auf ihre Integration aus, da sie keine stabile Situation in Frankreich nachweisen können. Eine Immatrikulation an der Universität ist ohne Visum nicht möglich.

Studierende aus Nicht-EU-Ländern haben einen besonderen Status. Sie haben keinen Anspruch auf das Stipendium des CROUS und befinden sich daher in finanziellen Schwierigkeiten. Im Masterstudium zahlen diese Studierenden Studiengebühren in Höhe von 3941 € pro Jahr. Im Vergleich dazu zahlt ein EU-Studierender maximal 254 €. Studierende aus Nicht-EU-Ländern müssen daher mit Ersparnissen ankommen; das ist bei weitem nicht immer möglich.

Was sind die größten Probleme, die sich aus diesen finanziellen Schwierigkeiten ergeben?

Die größte Schwierigkeit ist die Wohnungssuche. Da diese Studierenden keinen Anspruch auf Unterstützung durch das CROUS haben, gelten sie als nicht stipendienberechtigt und erhalten keinen Vorrang beim Zugang zu Studentenwohnheimen. Selbst wenn sie sich in einer äußerst prekären Lage befinden, werden ihre Anträge oft erst nach denen der Stipendiaten bearbeitet.

In der Regel arbeiten viele Studierende neben dem Studium, um ein stabiles Einkommen zu haben. Um arbeiten zu können, muss man jedoch nachweisen, dass man sich legal im Land aufhält. Ein Visum zu erhalten, ist für nicht-europäische Studierende sehr kompliziert. Sie können daher oft nicht eingestellt werden und kein Einkommen erzielen. Die Folge: Ihre prekäre Lage verschärft sich.

Zudem kommen Studierende aus Nicht-EU-Ländern von weit her. Sie können keine Wohnungsbesichtigungen vor Ort in Frankreich machen. Sie werden daher oft Opfer von Betrügereien oder landen in unzumutbaren Unterkünften: schlechte Isolierung, Schimmel oder Ungeziefer. Oft wohnen sie auch am Rande der Stadt, wodurch zusätzliche Fahrtkosten entstehen. Das wird uns bei der AFGES immer bewusster, denn die Zahl der Hilfsanfragen steigt weiterhin explosionsartig an. Es ist erschreckend zu sehen, wie viele Studierende auf der Straße schlafen.

Abgesehen von diesen wirtschaftlichen Problemen: Wie sieht es für die Studierenden in sozialer Hinsicht aus?

Wir haben festgestellt, dass die Studierenden mit verschiedenen Barrieren zu kämpfen haben. Das beginnt bereits bei der Informationssuche, da die Websites des CROUS und der Universität Straßburg (UNISTRA) nicht ins Englische übersetzt sind. Ich glaube, dass das Thema der Isolation nicht ausreichend thematisiert wird.

Was unternimmt die AFGES, um diese Probleme zu bekämpfen?

Zunächst einmal machen wir auf uns aufmerksam und klären die Studierenden über ihre Rechte auf. Zu Beginn des Jahres führen wir Informationsveranstaltungen für Studierende durch, bei denen wir Flugblätter verteilen. Außerdem haben wir einen »Leitfaden für soziale Hilfen für Studierende« verfasst, der in digitaler Form auf unserer Website verfügbar ist.

Wir haben außerdem ein Programm für vorübergehende Unterbringungen ins Leben gerufen. Es ermöglicht Studierenden in Notlagen, vorübergehend und kostenlos in einer Jugendherberge unterzukommen. Im Jahr 2025 hatten wir 325 Anträge. Wir können nicht alle unterbringen und müssen uns leider um die dringendsten Fälle kümmern.

Im Jahr 2025 haben wir 73 Studierende untergebracht, die im Durchschnitt 13 Nächte geblieben sind. Wir bearbeiten aber immer alle Anträge und leiten die Studierenden an die Sozialarbeiterinnen des CROUS weiter, wenn wir keine Kapazitäten mehr haben. Diese können dann Kontakt zu externen Studentenwohnheimen aufnehmen und die Situation der Studierenden begleiten, bis sich diese stabilisiert hat. Alle Studierenden, die sich an uns gewandt haben, haben eine feste Unterkunft gefunden.

Inwieweit arbeiten Sie mit dem CROUS und der UNISTRA zusammen?

Diese Einrichtungen sind sich der Schwierigkeiten von Studierenden aus Nicht-EU-Ländern bewusst. Bei der Zusammenarbeit mit ihnen wird jedoch deutlich, dass sie nicht immer die Möglichkeit oder die Mittel haben, mehr zu tun als die AFGES. Manchmal sind es sogar sie, die Studierende in Schwierigkeiten an uns weiterverweisen. Sie setzen die Politik der Regierung um und unterliegen bestimmten Verpflichtungen. Wir sind unabhängig.

Außerdem sind diese Einrichtungen oft defizitär und können daher keine Wohnungen bauen oder renovieren. Derzeit bietet das CROUS 5000 Studentenwohnungen an. Jedes Jahr sind diese Unterkünfte überbelegt. 

Wir arbeiten also Hand in Hand mit dem CROUS und der UNISTRA und setzen unsere verfügbaren Mittel ein, um die prekäre Lage dieser Studierenden zu bekämpfen.

Über die Autorin:
Eva Bensaha

Eva ist 23 Jahre alt und studiert Agrarwissenschaften in Colmar. Sie interessiert sich sehr für soziologische Themen und zwischenmenschliche Beziehungen. Eva möchte aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen thematisieren und einem breiten Publikum zugänglich machen.

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