Biba (der Name wurde anonymisiert) studiert Geographie und Raumplanung in Straßburg. Er ist aus dem Senegal und lebt seit anderthalb Jahren in Frankreich. Er und viele andere senegalesische und internationale Studierende, die in Europa einen Uni-Abschluss erlangen möchten, erleben eine Vielzahl an Diskriminierungen.
Von Lyse Wardyn
Er kam von der Küste von Kayar und landete in den Hörsälen von Straßburg. Biba (sein Name wurde durch die Redaktion geändert) hat damit, wie er sagt, die senegalesische Geselligkeit hinter sich gelassen und sich dem französischen Individualismus zugewandt. Sein Ziel: Stadtplaner werden.
Mit einem europäischen Uni-Abschluss möchte Biba seine Familie stolz machen. Er begibt sich auf einen langen Weg voller Hindernisse, muss durch finanzielle Schwierigkeiten. Auf der Suche nach einem Nebenjob erlebt er versteckte Diskriminierung. Und das nur, weil er seinen Traum verwirklichen möchte. Laut Zahlen von Campus France studieren 412.000 internationale Studierende in Frankreich – angetrieben von dem Wunsch, einen französischen Abschluss zu erwerben.
Erst studiert Biba im Senegal, dann entscheidet er sich für Frankreich
Bevor er nach Frankreich kam, lebte Biba in der senegalesischen Küstenstadt Kayar, 40 Kilometer von Dakar entfernt. Sein jetziges Leben als 22-jähriger Student in Straßburg unterscheidet sich sehr vom früheren. Im Senegal war er mit seinen Eltern, seinen vier Brüdern und seiner Schwester immer von vielen Menschen umgeben. In Frankreich lebt er allein in einem 9 Quadratmeter großen Zimmer.
Der Zugang zu höherer Bildung und insbesondere zu einem europäischen Abschluss ist im Senegal nicht nur ein beruflicher Vorteil, sondern auch ein Grund zum Stolz. Biba lässt sich vom Prinzip der Verwurzelung und Offenheit inspirieren. Sie sei zentral für eine senegalesischen Identität, sagt er. Das bedeutet: Im Senegal eine Grundausbildung vermittelt zu bekommen. Anschließend würde es sich anbieten, sich einer anderen Kultur zu öffnen. Biba begann seine Ausbildung mit einem zweijährigen Stadtplanungsstudium im Senegal und wanderte dann nach Frankreich aus. Er war getrieben von dem Wunsch, eines Tages wieder nach Kayar zurückzukehren, um dort sein Leben aufzubauen und sich in seiner Heimat zu engagieren.
Das Streben nach französischer Exzellenz ist eng mit dem postkolonialen Erbe verbunden, das die Gesellschaften in vielen Ländern Afrikas nach wie vor prägt. Senegal als ehemalige Kolonie Frankreichs hat ein System etabliert, in dem französische Abschlüsse als wertvoller angesehen werden als die Pendants im eigenen Land. Dies verleiht ausländischen Abschlüssen eine Anerkennung und Glaubwürdigkeit, die den Zugang zu Führungspositionen erleichtert.
Biba geht an die Uni Straßburg
Um einen Studienplatz in Frankreich zu ergattern, hat sich Biba bei Campus France angemeldet – einem speziellen Verfahren für Studierende, die nicht aus der Europäischen Union stammen und in Frankreich studieren möchten. Meistens ist dies sehr kostspielig. Für einen Master müssen Studierende aus Nicht-EU-Ländern eine Einschreibegebühr von rund 3.900 Euro pro Jahr entrichten, was in Senegal dem Betrag entspricht, um eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen oder in ein großes Bauprojekt zu investieren. Und allein um ein Visum zu haben, sind rund 600 Euro im Monat erforderlich.
Biba wurde in Toulouse, Caen und Straßburg angenommen. Er entschied sich für die Stadt im Elsass, weil er dort Leute kannte, die ihn zumindest zu Beginn aufnehmen und ihm bei der Wohnungssuche helfen konnten. Mit der Hilfe einer Tante, entfernter Onkel, Freunde seines Vaters und einer Sozialarbeiterin fand er ein kleines Zimmer im französischen Studierendenwohnheim, dem Crous. Organisationen wie die Vereinigung senegalesischer Studenten und Praktikanten in Straßburg (Aesss) unterstützen ihn dabei.
Biba muss dann einen Job finden und seinen Lebensunterhalt finanzieren. Er erzählt, dass er acht Monate lang „gekämpft” und unzählige Lebensläufe verschickt hat. Nur dank Mundpropaganda und der Empfehlung eines Freundes konnte er eine Stelle finden. „Ich hatte ein Vorstellungsgespräch und überzeugte den Personalverantwortlichen, indem ich wie ein Politiker redete”, erinnert er sich. Laut Berichten der französischen Behörde „Défenseur des droits“ sind Beschäftigung und Wohnen die Bereiche, in denen Diskriminierung in Frankreich am stärksten verbreitet ist.
Diskriminierungen in Frankreich – Biba nennt sie „versteckt“
Auf die Frage, ob er Opfer von Diskriminierung gewesen ist, beschreibt Biba einen diskreten und versteckten Rassismus. Laut Le Monde geben 91 % der Schwarzen in Frankreich an, Opfer von Diskriminierung zu sein. Biba sagt dazu: „Ich glaube, dass es Diskriminierung gibt, aber hier versuchen die Leute, sie zu verbergen.“ Er fügt hinzu, dass es manchmal so sei, als hätte es sie nie gegeben.
Er hat das Gefühl, in der Uni benachteiligt zu werden. Für Biba war das vergangene Jahr sehr schwierig, bestimmte Noten zu erreichen. „Einmal hätte ich zum Beispiel eine Präsentation halten sollen. Der Lehrer hatte alle anderen zu Wort kommen lassen, aber als ich an der Reihe war, sagte er mir, dass die Zeit abgelaufen sei. Da wurde mir klar, dass es Diskriminierung gibt.“
Seine Strategie, um mit dieser Diskriminierung umzugehen, besteht darin, sein Gesicht vor anderen zu verschließen. „Es ist schwer, damit umzugehen, weil ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll.“ Biba fügt hinzu, dass es schwierig sei, jemandem zu gefallen, der bereits weiß, dass er einen nicht mag. Es gibt ein Sprichwort in Wolof, seiner Muttersprache: „Beug dou bagne, bagne dou beug“, was so viel bedeutet wie „man kann nicht jemanden hassen und dann lieben“.
Sein Traum im Senegal spornt Biba an
Der kulturelle Unterschied erschwere es, tiefe Beziehungen aufzubauen. Biba freundet sich hauptsächlich mit anderen Senegalesen an, weil er sagt, „wir erleben dasselbe, daher ist es einfacher, Beziehungen aufzubauen“. Er beklagt, dass es ihm schwerfällt, mit Franzosen „zusammen zu wachsen“, weil sie „anders denken“ und eine Haltung haben, bei der „die Menschen hier versuchen, sich zu beherrschen“.
Trotz der Schwierigkeiten bleibt Biba entschlossen: „Ich trage meine Familie in mir.“ Er möchte Erfolg haben, um die Anerkennung zu erlangen, die das senegalesische System dem französischen Diplom beimisst. „Ich möchte, dass man mich ansieht und sagt: ‚Er hat einen Abschluss‘, und ich glaube, dass ich auf diese Weise meinen Vater stolz machen kann.“
Sein Ziel, Stadtplaner zu werden und die Zukunft seiner Region zu gestalten, wird zur Selbstbestimmung. Er möchte eine wichtige Persönlichkeit werden, sein Land weiterentwickeln und Arbeitsplätze schaffen. „Ich glaube, um etwas zu verändern, muss man in die Politik gehen. Man muss zu den Entscheidungsträgern gehören und somit zu denen, die Projekte leiten“, sagt Biba. Er möchte seine Rhetorik-Fähigkeiten verbessern – ein Werkzeug, das er für unerlässlich hält, um Politiker zu werden und das System von innen heraus zu verändern.
Über die Autorin

Lyse studiert im Bachelor Geographie und Raumplanung in Straßburg. Sie möchte sich dem Journalismus zuwenden, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und deren Lebenswege nachzuzeichnen. Ihr besonderes Interesse gilt den Themen Rassismus, Politik und Umwelt. Dieses bereichernde Projekt hat es ihr ermöglicht, bemerkenswerte und inspirierende Menschen kennenzulernen.