Kopftuch am Arbeitsplatz: Neutralität oder Diskriminierung

Kommentar Nabila Bitch

Magali Rafflenbeul
Illustration: Magali Rafflenbeul

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden: das Kopftuch am Arbeitsplatz zu verbieten, stellt keine Diskriminierung dar. Genauso gut könnte man es gleich verbieten lassen. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs gibt außerdem der Debatte derjenigen Nährboden, die grundsätzlich etwas gegen das Kopftuch haben – das muslimische, versteht sich. Neutralität erreich der Europäische Gerichtshof damit nicht, im Gegenteil: er diskriminiert ein weiteres Mal muslimische Frauen, die aus Überzeugung Kopftuch tragen. Ist der 15. Juli 2021 der Tag, an dem Religionsfreiheit in Europa endete?

Es waren zwei deutsche Musliminnen, eine Heilerziehungspflegerin und eine Angestellte in einer Apotheke, die das Kopftuchverbot an ihrem Arbeitsplatz vor dem Europäischen Gerichtshof angefochten haben. Die Heilerziehungspflegerin entschied sich erst zwei Jahre nach ihrem Arbeitsbeginn dazu, das Kopftuch zu tragen. Nach ihrer Rückkehr aus dem Mutterschutz änderte ihr Arbeitgeber seine Neutralitätspolitik für die Arbeitnehmer:innen. Plötzlich war es verboten, Zeichen der politischen, philosophischen und religiösen Überzeugung zu sichtbar tragen. Aber die Pflegerin entscheidet sich, ihr Kopftuch nicht abzunehmen. Als die andere Frau ihr Kopftuch bei ihrer Arbeit in der Apotheke nicht abnehmen will, wird ihr gekündigt. Für den Justizhof ist das Verbot jeglicher Zeichen einer religiösen Überzeugung jedoch keine Diskriminierung. Der Grund: es begrenze sich nicht auf eine einzige Religion und würde es erlauben, jegliche Konflikte zu verhindern. Für die Arbeitgeber:innen gilt: um das Kopftuch am Arbeitsplatz zu verbieten, müssen sie nachweisen, dass die unternehmerische Freiheit ohne die Neutralitätspolitik beeinträchtigt werden würde. Das Kopftuch – oder andere Zeichen einer religiösen Zugehörigkeit – könnten die Geschäftstätigkeit beeinträchtigen.

Ein großes Dilemma

Akzeptiert man das Kopftuchverbot am Arbeitsplatz mit der Begründung, so soziale Konflikte verhindern zu können, akzeptiert man jedoch auch, dass die Religionsfreiheit der betroffenen Personen eingeschränkt wird. Und man bestärkt indirekt Meinungen, die Frauen mit Kopftuch immer und immer wieder angreifen. Dabei vermindert das Kopftuch in keiner Weise die Qualität, die Professionalität und Kompetenz dieser muslimischen Frauen. Sie leben lediglich im Einklang mit ihren Überzeugungen und ihrer Religion. Ihr Glaube macht sie menschlich, nichts daran schadet dem Ruf eines Unternehmens. Vielmehr ist das Kopftuch ein Zeichen der Diversität. Entscheidet sich ein Unternehmen für ein Kopftuchverbot, folgt es bloß blind den Vorurteilen einer vorwiegend konservativ geprägten europäischen Gesellschaft – und den Massenmedien, die besonders nach islamistischen Anschlägen ein Gefühl der Angst schüren. Die Angst vor einer Invasion des Islam, vor der kulturellen Bedrohung durch ihn – in Europa sind sie immer noch weit verbreitet.

Leider sind die muslimischen Frauen, die Kopftuch tragen, diejenigen, die vor einem großen Dilemma stehen: Sie müssen sich zwischen ihrer beruflichen Karriere und ihrem Glauben entscheiden. Sie müssen ein großes Opfer bringen, auch, weil ihr Kopftuch nicht nur Teil ihres Glaubens, sondern auch ein wichtiger Teil ihrer Identität ist. Ihre Glaubensfreiheit, Artikel 4 im Grundgesetz und Artikel 1 in der französischen Verfassung, wird damit schwer verletzt. Dabei haben diese Frauen, die vor allem europäische Bürgerinnen sind, wie alle anderen eine Erziehung nach demokratischen Werten erhalten, die auf dem Recht auf Gedanken- und Religionsfreiheit beruht. Der Europäische Gerichtshof, der auch ihre Entscheidungen schützen und akzeptieren sollte, scheint das jedoch nicht wahrzunehmen. Mit seiner Entscheidung vernachlässigt er die muslimischen Frauen, die in Europa zu Hause sind und an den Islam glauben.

Druck von rechts

Und was macht Europa angesichts dieses Urteils? Es gibt nach. Es lässt die muslimischen Frauen, die ihr Kopftuch tragen, im Stich. Das neuste Beispiel: Anfang November 2021 startet der Europarat eine Kampagne, die den Hijab, das muslimische Kopftuch, als Zeichen von Vielfalt und Freiheit feiert. Der Europarat will mehr über die kulturelle und ethnische Vielfalt sprechen und Diskriminierung bekämpfen. Eine Kampagne voller guter Absichten, bis der Rat sie aufgrund der heftigen Kritik mehrerer französischer Politiker:innen zurückzieht. Ganz vorne mit dabei: die rechtsextreme Partei Rassemblement National (früher Front National) von Marine Le Pen. In einem Tweet kritisiert Le Pen die Kampagne, die „skandalös und unanständig ist, während Millionen von Frauen mutig gegen diese Versklavung kämpfen, auch in Frankreich. Die sind Frauen frei, wenn sie den Schleier ablegen, nicht umgekehrt“. Der Tweet wurde mittlerweile wieder gelöscht.

Mit diesem Tweet suggeriert Le Pen, der Europarat würde das Kopftuch, den Hijab bewerben. Dabei hat der Europarat lediglich dazu aufgerufen, ihn mehr zu respektieren. Mit ihrer Äußerung diskriminiert die Politikerin wieder einmal muslimische Frauen mit Kopftuch. Sie schürt den Hass und legt eine unglaubliche Ignoranz an Tag. All das nur für Wähler:innenstimmen.

Wenn das Kopftuchtragen eine bewusste und unabhängig getroffene Entscheidung ist, ist es in keinster Weise ein Symbol der Unterdrückung oder einer erzwungenen Handlung. Dennoch verbreiten die Massenmedien genau dieses Bild und bestärken damit die allgemein verbreiteten Annahmen. Warum würden viele Menschen sonst immer noch glauben, dass hinter jeder Frau mit Kopftuch ein Mann steht, der sie dazu zwingt? In Wirklichkeit sind die muslimischen Frauen, die ein Kopftuch tragen, genauso frei wie diejenigen, die es nicht tragen. Trotz der Vorurteile ihnen gegenüber und ihrer beispiellosen Unterrepräsentation in den Medien, existieren sie auf die gleiche Art und Weise wie muslimische Frauen ohne Kopftuch. Sie sind Bürgerinnen der französischen Republik und ein integraler Bestandteil der französischen Gesellschaft.

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs ist nichts weiter als ein Mittel, um Diskriminierungen aufgrund der Religion am Arbeitsplatz zu verschleiern. Sie könnte die Frauen mit Kopftuch praktisch in allen Arbeitsbereichen daran hindern, eine Anstellung zu finden. Das Ergebnis: viele junge muslimische Frauen legen ihr Kopftuch ab, und damit auch einen Teil ihrer Identität, aus Angst vor Vorurteilen, Anfeindungen und Benachteiligungen im alltäglichen Leben. Oder anders gesagt: für ihre professionelle Karriere geben sie ihren Glauben auf.

Übersetzung Charlotte Müller

Über die Autorin
Nabila Bitch Portrait
Nabila Bitch

Ich bin Nabila und studiere im zweiten Jahr Angewandte Fremdsprachen Deutsch und Englisch in Lyon. Ich bin in Italien geboren aber meine Familie ist arabisch. Ich glaube, deswegen habe ich mich auch schon immer für die Kulturen und Traditionen der Welt interessiert und liebe Sprachen.

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