Wer definiert Rassismus?

Von Carmen Rakotosolofoniaina

»Ist das die hellste Hautfarbe, die du haben kannst?«, fragt mich ein Bekannter in Straßburg aus dem Nichts. 

Auf La Réunion, wo ich lebe, werde ich oft als „weiß“ angesehen. Auf dem französischen Festland musste ich jedoch feststellen, dass ich nicht dieselbe weiße Hautfarbe wie die Europäer habe.

Als ich meinen Freundinnen von meinen Gedanken erzählte, sagten sie mir, das sei rassistisch. Aber was genau ist Rassismus? 

Ich hatte zuvor nie auf meine Hautfarbe geachtet, und doch veränderte diese Frage meine Wahrnehmung darüber, wie man mich ansieht. 

Wenn man sich auf das Wörterbuch Larousse beruft, ist Rassismus »die Ideologie, die auf dem Glauben beruht, dass es eine Hierarchie zwischen menschlichen Gruppen gibt, die früher als ‚Rassen‘ bezeichnet wurden«.

Laut Larousse ist die Frage meines Bekannten also nicht rassistisch. Er war vermutlich nicht der Meinung, dass er aufgrund seines weiß-Seins überlegen war – aber seine Worte haben mich trotzdem verletzt. Meine Sichtweise hat sich unwillkürlich verändert: Ich habe angefangen auf die Hautfarbe der Menschen um mich herum zu achten. Es gibt weiße Menschen und es gibt andere. 

Wäre es also falsch, solche Äußerungen als Rassismus zu bezeichnen? Aber was gilt dann überhaupt als rassistische Äußerung? 

Die Initiative racisme.fr will über die Rechte informieren, die Betroffene haben, um gegen Rassismus vorzugehen. Rassistische Äußerungen sind laut der Initiative »gesprochene, geschriebene oder geäußerte Worte«. 

Zum Beispiel: Einer nicht-weißen Person zu unterstellen oder sie darauf hinzuweisen, dass sie nicht genug Geld hat, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, nur weil sie sich mehrmals am All-you-can-eat-Buffet bedient hat. Ist eine solche Bemerkung nicht eine Stigmatisierung? 

»Der unbewusste Rassismus. Das kommt von den Botschaften, die wir in Filmen und Nachrichten sehen und von dem, was wir um uns herum hören. Es ist so normal, unbewusste rassistische Voreingenommenheit zu haben, tief in uns verwurzelte Vorurteile, die dazu führen, dass wir, ohne es zu merken, eine Person oder Gruppe mit schwarzer oder brauner Hautfarbe oder einen Ureinwohner nicht auf die gleiche Weise behandeln wie einen Weißen«, schreibt Colin Perreault in Le Monde.

Diese rassistische Voreingenommenheit wird durch die Worte von Sikoue Nakaté, einem Pariser Filmemacher, verdeutlicht. Er prangert an, was er als »die mentale Belastung, Schwarz zu sein« bezeichnet.

»Die Begegnung mit einem Schwarzen Mann spät abends macht dir wahrscheinlich mehr Angst als die Begegnung mit einem weißen Mann«, sagt er. 

Wie wir sehen können, sind es nicht nur unsere Worte und Anspielungen, sondern auch unsere Blicke und unser Verhalten, die unsere diskriminierenden Gedanken verraten. Das Wörterbuch Larousse definiert sie als »Verhaltensweisen, die von dieser Ideologie inspiriert sind«.

Nicht-weiße Menschen betrachten Schwarze als minderwertig, arm oder auch gefährlich.

Man kann sich also fragen: Welche Verhaltensweisen könnten von verinnerlichtem Rassismus zeugen?

»Als sie mich sah, steckte sie ihr Handy weg und hielt ihre Tasche fest, weil sie Angst hatte, dass ich sie stehlen würde«, sagt Sikoue Nakaté, der sich rassistisch behandelt fühlte, als er einer Frau im Bus gegenüber saß. 

Natürlich ist jeder Fall anders, alles hängt von der Geschichte und den Erlebnissen der einzelnen Personen ab. 

Selbst bei betroffenen Menschen hängt alles von ihren Gefühlen ab, ob ein Täter darauf abzielte, zu diskriminieren, oder ob er einfach nur neugierig war, weil er mit etwas Neuem konfrontiert wurde. Zum Beispiel: Afrohaare anfassen zu wollen. Für manche ist das eine harmlose Handlung, andere fühlen sich angegriffen. Um Angriffe zu vermeiden, sollte man offen für Gespräche sein, damit Betroffene ihr Unbehagen ausdrücken können und die Person, die das Unbehagen verursacht hat, zuhören kann, ohne sich selbst zum Opfer zu machen. Das heißt, ohne Ausreden zu finden, um die eigene Tat zu rechtfertigen. 

Gibt es Präventionsmaßnahmen gegen Rassismus? 

Der französische Innenministers hat Maßnahmen zur Vorbeugung von Rassismus ergriffen: 

Zum einen wurde die Plattform PHAROS eingerichtet. Dort können Betroffene Rassismus melden und werden dabei vom Justizministerium unterstützt. Außerdem wurden in den Gendarmerien Referent*innen für Rassismus und Antisemitismus eingestellt, die Betroffenen und Zeugen bei der Erstattung einer Anzeige helfen. 

Die Maßnahmen tragen Früchte: Die Anzeigen rassistischer und fremdenfeindlicher Taten haben 2019 zugenommen. Sie stiegen von 496 im Jahr 2018 auf 1.142, wie aus den Zahlen von l’intérieur. gouv.fr hervorgeht.

Diskriminierungen werden zunehmend an die Polizei gemeldet. Einige Schwarze Menschen internalisieren ihre Erfahrungen jedoch immer noch, was eine Strafverfolgung verhindert. 

Der ehemalige Minister Christophe Castaner erklärte: »Die beunruhigende Banalisierung rassistischer und fremdenfeindlicher Äußerungen und Verhaltensweisen erfordert einen Bewusstseinsschub in unserer Gesellschaft sowie eine feste und klare Verurteilung durch alle politischen Verantwortlichen.« Er versicherte, dass weitere Maßnahmen ergriffen werden, indem neue Gesetze verabschiedet werden, um Rassismus anzuprangern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass trotz der Einführung präventiver Workshops und neuer Gesetze der Rassismus nicht vollständig beseitigt werden kann. Der Kampf gegen Rassismus kann nur gemeinsam funktionieren und die Veränderung muss von beiden Seiten ausgehen. Die Täter*innen müssen über den Rassismus, den sie verinnerlicht haben, nachdenken und den Betroffenen zuhören. Auf der anderen Seite müssen sich die Betroffenen zu Wort melden und rassistische Handlungen anprangern.

Rassismus ist diskriminierend und entmenschlichend, und rassistische Handlungen sind verwerflich – die Gesellschaft sollte sich dessen endlich bewusst werden.

Über die Autorin:
Carmen Rakotosolofoniaina

Carmen ist madagassischer Abstammung und lebt auf La Réunion. In Straßburg setzt sie ihr Studium fort: Sie befindet sich im zweiten Jahr des dualen Studiengangs BUT Carrières Juridique am IUT in Colmar.

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