Von Sophie Ebner
Viele Paare verspüren irgendwann den Wunsch, gemeinsam ein Kind zu bekommen. Was aber, wenn man keine eigenen Kinder bekommen kann? Eine Adoption kann dabei helfen, den eigenen Kinderwunsch doch noch zu erfüllen. Catherine* hat genau das getan und zusammen mit ihrem Mann vor sechs Jahren ihren Sohn Maël* adoptiert. Sie engagiert sich seitdem in einer Organisation für Adoption und will damit einen Austausch zwischen Adoptivfamilien ermöglichen. Ihr Mann und sie sind beide weiß – ihr Sohn ist Schwarz. In ihrem Alltag sind sie häufig rassistischen Vorurteilen ausgesetzt, mit denen Catherine anfangs nicht umzugehen wusste. In diesem Interview erzählt sie, wie sie heute auf Diskriminierung reagiert und wie die Adoption ihres Sohnes damals abgelaufen ist.
*Die Namen wurden geändert, um die Anonymität der Personen zu wahren.
Warum haben du und dein Mann entschieden, ein Kind zu adoptieren?
»Wie viele Paare haben wir es nicht geschafft, biologisch ein Kind zu bekommen. Mein Mann und ich waren uns sehr schnell einig darüber, dass wir trotzdem eine Familie gründen wollen und dass die biologischen Zusammenhänge nicht die wichtigsten sind. Wir waren uns sofort einig, dass wir ein Kind adoptieren wollen.«
Wolltet ihr ein in Frankreich geborenes Kind adoptieren?
»Als wir unseren Adoptionsprozess begonnen haben, war uns die Herkunft des Kindes egal. Sobald wir die Genehmigung hatten, haben wir uns bei OAAs beworben, das sind autorisierte Organisationen für Adoption. Unsere Bewerbung wurde angenommen und nach mehreren Treffen haben sie uns gesagt, dass sie einverstanden wären, unsere Akte für Haiti aufzunehmen.«
Wie alt sollte euer Kind sein?
»Unser Wunsch war ein Kind zwischen null und vier Jahren. Unser Umfeld hatte schon Kinder – die meisten in dieser Altersgruppe. Und das war auch eine gute Entscheidung, weil Maël heute mit den anderen Kindern spielen kann.«
Wie waren die Reaktionen von eurem Umfeld?
»Am Anfang haben wir darüber nicht mit vielen Leuten gesprochen. Wir haben es nur den uns Nahestehenden gesagt. Der Großteil der Leute hat sehr gut reagiert. Unsere Freund*innen waren sehr glücklich und haben zusammen mit uns das Kind erwartet. Es gab wenige Personen, die Angst hatten, dass wir keine emotionale Beziehung aufbauen könnten. Glücklicherweise haben sie ihre Meinung geändert als mein Sohn da war.«
Welches Alter hatte euer Sohn dann?
»Als uns gesagt wurde, dass ein Junge für uns in Frage kommt, hatte Maël gerade seinen vierten Geburtstag gefeiert. Wir haben ihn zum ersten Mal 2017 in Haiti getroffen. Wir sind zwölf Tage in der Krippe geblieben, in der er lebte. Dort haben wir Zeit mit ihm verbracht. Ein Experte war vor Ort, um zu sehen, ob es zwischen uns und Maël gut läuft. Zehn Monate später konnten wir wiederkommen, um ihn abzuholen.«
Inwiefern macht es einen Unterschied, dass du weiβ bist und dein Sohn Schwarz?
»Die Leute erlauben sich mehr persönliche Fragen. Fremde sagen zu mir: ‚Sie haben ihn adoptiert, super! Sind seine Eltern tot?‘ Das ist wirklich persönlich, aber die Leute sind neugierig, weil es von der Norm abweicht. Man hat den Eindruck, dass unser Kind das Kind von allen ist. Am Anfang hat man mir viele Fragen gestellt und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Jetzt weiß ich, wie ich reagieren kann. Wenn mich jemand fragt, ob seine Mutter tot ist, antworte ich: ‚Nein, es geht mir sehr gut, danke.‘ So verstehen sie, dass die Frage unangebracht ist. Oft sagen mir Leute auch: ‚Ihr Sohn hat Glück gehabt.‘ Aber mein Sohn ist kein humanitäres Projekt. Er hat auch kein Glück gehabt, aber er hat mein Leben und das meines Mannes verbessert.«
Hat dein Sohn Rassismus im Umgang mit anderen Kindern erfahren?
»Ja, wir wohnen in einem Dorf, in dem es wenig Schwarze Personen in seiner Klasse gibt. Außerdem sprach Maël am Anfang noch nicht gut französisch. Er ist während des Schuljahres im April angekommen, alle anderen Kinder hatten im September begonnen. Er wurde verspottet. Als er älter wurde, sind brutalere Sachen passiert. Glücklicherweise hat sich die Lage beruhigt, weil er seit mehreren Jahre enge Freunde hat. Als er von der Grundschule auf die weiterführende Schule gewechselt ist, ging es wieder los. Wenn man mit der Schulleitung spricht, unternimmt niemand etwas.«
Wie reagierst du auf rassistische Vorfälle?
»Wenn unser Sohn mit Rassismus konfrontiert wird, bringen wir ihm bei, zu antworten. Wir haben ihm vor einigen Jahren erklärt, was Rassismus ist und haben ihm gesagt, dass es strafbar ist. Wenn es jetzt in der Schule passiert, geht er zu einem Erwachsenen und er hat bemerkt, dass sie ihm helfen. Wir haben ihm auch erklärt, was die Hautfarbe ist und dass der Unterschied nur das Melanin in der Haut ist, – dass wir sonst aber alle gleich sind: Wir haben zwei Augen, eine Nase, Ohren und Arme.«
Du engagierst dich nicht nur gegen Rassismus für deinen Sohn, sondern du arbeitest auch in einer Adoptionsorganisation. Wie heiβt sie und was macht sie?
»Ich bin Ehrenamtliche innerhalb einer Organisation, die ‚Kindheit und Familie von Adoption im Bas-Rhin (EFA67)‘ heiβt. Ich bin seit fünf Jahren Sekretärin in diesem Verein. Wir begleiten Personen, die ein Kind adoptieren wollen, Personen, die schon adoptiert haben und Adoptierte. Als mein Mann und ich uns für eine Adoption entschieden hatten, sind wir zuerst zu diesem Verein gegangen. Das hat uns sehr geholfen. Ich habe immer gesagt, wenn ich es eines Tages schaffen würde zu adoptieren, würde ich ehrenamtlich in diesem Verein arbeiten. Es ist der einzige Ort, an dem man sich mit anderen Adoptiveltern treffen kann, die das Gleiche erlebt haben. Es ist auch gut für das Kind, weil Maël andere adoptierte Kinder sieht. Ihm wird bewusst, dass er nicht der Einzige ist.
Wir bieten auch Konferenzen oder Fortbildungen übers Elternsein an. Ich habe eine Fortbildung über Alltagsrassismus gemacht, die mir die Augen geöffnet hat. Ich habe gelernt, dass der Alltagsrassismus für die betroffenen Personen am schwierigsten ist. Das sind die kleinen Bemerkungen, die die Leute tagtäglich machen, bei welchen niemand reagieren wird, weil sie finden, dass sie nicht zu gemein sind. Zum Beispiel ‚du tanzt gut, alle Schwarzen haben den Rhythmus im Blut‘. Ich versuche aufmerksamer zu sein und in solchen Fällen zu reagieren. Der Alltagsrassismus erinnert Betroffene immer daran, dass sie Schwarz sind. Er zeigt ihnen einen scheinbaren Unterschied auf. Mein Sohn hat keine Lust, ‚der Schwarze Junge‘ oder ‚der adoptierte Junge‘ zu sein, er hat andere Charaktereigenschaften.«
Hast du Wünsche hinsichtlich des Rassismus für die Zukunft?
»Ich glaube, dass das Problem ein Mangel an Toleranz ist. Toleranz muss für mich ein Teil von allem sein, was mit der Jugend zu tun hat, ob in der Schule, im Ferienlager oder in den Sportvereinen. Jemand, der ein behindertes Kind hat, wird das Gleiche erleben. Leute sind rassistisch, weil sie im Alltag nicht mit vielen Menschen von anderen Kulturen in Kontakt kommen. Wenn man sie einer Schwarzen Person oder einer Person, die einer anderen Religion angehört, gegenüberstellt, werden sie bemerken, dass die Person nicht so anders ist.«
Über die Autorin:

Sophie ist 19 Jahre alt und macht mithilfe des DFJW einen deutsch-französischen Freiwilligendienst im Crous de Strasbourg. Im nächsten Jahr möchte sie ein Studium beginnen. Im Allgemeinen interessiert sie sich für Sprachen, Naturwissenschaften und gesellschaftliche Fragen.