Stellt sich Freiburg seinen Dämonen?

Text und Fotos Cyprien Durand Morel

Kommandant Theodor Leutwein und Anthropologe Alexander Ecker. Zwei Namen, die heute nur noch wenigen Menschen etwas sagen. Dabei sind sie untrennbar mit der deutschen Kolonialgeschichte verwoben – mit schmerzhaften Erinnerungen, rassistischen Ideologien und dem Völkermord im heutigen Namibia. Auf Spurensuche in Freiburg.

Zwischen den Gräbern auf dem Freiburger Hauptfriedhof in Brühl scharren die Krähen im Laub. Ihr Krächzen verliert sich unter einem grauen, wolkenverhangenen Himmel. Ein paar Schritte entlang einer Reihe von Kastanienbäumen, steht man dann vor dem Grab mit der Nummer 63. Hier liegt der preußischer Generalmajor Theodor Leutwein begraben, der von 1895 bis 1905 Kommandeur der kaiserlichen Schutztruppe und Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia war. Dichter Nebel umhüllt seinen Grabstein, Moos und Efeu verdecken die eingemeißelten Inschriften. Fast scheint es, als wolle er sich vor den Augen der Betrachtenden auflösen und für immer in Vergessenheit geraten.

Theodor Leutwein kommt 1893 nach Namibia. Fast zehn Jahre ist das Land zu der Zeit schon eine deutsche Kolonie. Zwischen 1904 und 1908 kommt es dort zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Von den 80.000 Herero töten die deutschen Besatzer etwa 65.000, von den 20.000 Nama etwa 10.000.

An dem Genozid ist Theodor Leutwein nicht direkt beteiligt. Allerdings trägt er vor 1904 maßgeblich zur Errichtung eines rassistischen Herrschaftssystems in Namibia bei. So zwingt er die Stämme der Herero und Nama, einem Schutz- und Beistandsvertrag zuzustimmen, der zehn Jahre lang eingehalten wird. Um sein Ziel zu erreichen, führt er bewaffnete Feldzüge gegen die einheimische Bevölkerung. Er lässt auf unbewaffnete Männer schießen und ganze Dörfer zerstören. Stammesführer, die sich weigern abzudanken, werden auf sein Kommando hingerichtet. Um die Rassenprivilegien seines Regimes zu stärken, erklärt er auch die Ehen von Weißen Männern mit Schwarzen Frauen für ungültig. Ihre Kinder sollen nicht als rechtmäßige Deutsche anerkannt werden.

1904 kommt es zum Aufstand der Herero gegen die deutsche Kolonialmacht. Weil Leutwein die Herero verschonen und lieber die Ressourcen des Landes weiter ausbeuten will, verliert er seine Stellung als Kommandeur der Schutztruppen. Er wird durch den preußischen General Lothar von Trotha ersetzt. Unter seinem Kommando wird in den folgenden vier Jahren ein rassistischer Vernichtungskrieg geführt, der heute als Genozid an den Herero und Nama bekannt ist. Seine Anweisung lautet: „Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero, ob mit oder ohne Gewehr, ob mit oder ohne Vieh, erschossen.“ Die Überlebenden werden in Konzentrationslager gebracht – die ersten der modernen Geschichte. Ihnen werden die Buchstaben GH für „Gefangener Herero“ tätowiert.

Ehre den rassistischen Ideologien

Auch im Museum Natur und Mensch in Freiburg findet man heute noch Spuren von Leutwein. Im Eingangsbereich hängt eine weiße Marmorplatte, die in goldenen Lettern die Namen der Sponsoren und Förderer des Museums zeigt – darunter auch Theodor Leutwein. Schon als Jurastudent, bevor er zum Militär ging, fühlte er sich der Stadt Freiburg stark verbunden. Nach Antritt seiner militärischen Karriere in der deutschen Kolonie kommt er daher den Bitten des damaligen Freiburger Bürgermeisters nach und sendet 1898 verschiedene – geraubte – Objekte aus Namibia, darunter vor allem Kleidungsstücke, nach Freiburg. So trägt Leutwein zur Eröffnung des Museums für Natur- und Völkerkunde bei.

Im Keller der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg findet man heute noch ganz andere Sammlungen. Etwa die des emeritierten Professors für Anthropologie Alexander Ecker. Seine Sammlung aus dem Jahr 1857 umfasst knapp 130 geraubte Schädel. Ein gutes Drittel davon stammt aus den ehemaligen deutschen Kolonien im heutigen Namibia. Davon zeugen Beschriftungen wie „Neger“, „Herero“, oder „Swakopmund“. Während des Genozids befindet sich in der Stadt Swakopmund an der südatlantischen Küste Namibias eines der Konzentrationslager.

Nicht nur Eckers Schädelsammlung ist heute umstritten. Auch seine Büste – oder was davon noch übrig ist – die nicht weit von der Freiburger Universität entfernt steht, wird heute stark kritisiert: „Die Ecker-Büste stand jahrelang unbehelligt im Institutsviertel. Studierende oder Passant:innen haben kein Wissen über diese Person und die komplizierte Geschichte der Schädelsammlung“, kritisiert Julia Rensing von der Initiative freiburg-postkolonial.de. Für die Doktorandin in deutsch-namibischer Kolonialgeschichte ist dieses Unwissen höchst problematisch: „Hier kann quasi ein stilles Ehren und Erinnern fortwirken, da kein kritischer Bruch mit diesen Personen stattfindet.“

2020 schließen sich auch viele Freiburger:innen den Black Lives Matter-Protesten an. Aktivist:innen beschmieren die Büste von Alexander Ecker, woraufhin die Universität beschließt, seine Büste zu entfernen. Heute steht nur noch der Sockel im Universitätsviertel. Für viele besteht damit noch heute ein Denkmal für Alexander Ecker und seine rassistische Sammlung – und das mitten in der Stadt.

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Der Sockel des Denkmals steht zwischen dem Institut für Anatomie und dem Institut für Rechtsmedizin. Noch heute sieht man die Spuren der Black Lives Matter-Proteste.

Von den rassistischen Grundsätzen seines Lehrers Ecker beeinflusst, führte Eugen Fischer die Sammlung noch bis 1927 weiter. Fischer verlangte, dass man ihm die zum Tode Verurteilten aus der namibischen Kolonie direkt nach Deutschland schickte, um „der Wissenschaft einen Dienst zu erweisen“ und Probleme bei der Aufbewahrung der Leichen zu vermeiden, um sie besser studieren zu können. Das Ziel: die Überlegenheit des „zivilisierten weißen Mannes gegenüber den wilden Völkern“ beweisen. Fischer zögerte auch nicht, nach Namiba zu reisen, um dort Objekte für die Kollektion zu entwenden und die Gräber der verstorbenen Namas zu plündern. Die Sammlung, die ursprünglich im Anatomischen Institut in Freiburg aufbewahrt worden war, wurde in den 1970er Jahren sogar für medizinische Dissertationen über morphologische Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen verwendet.

Deutschland stellt sich seiner Kolonialgeschichte

113 Jahre später, im Mai 2021, erkennt Deutschland den Völkermord in Namibia offiziell als Genozid an. Unabhängig davon hat das Land Baden-Württemberg 2019 die Namibia-Initiative gestartet und die erste Rückgabe kolonialer Kulturgüter veranlasst. Unter den Kulturgütern waren unter anderem die Bibel und die Peitsche des Nama-Helden Hendrik Witbooi, die bis dahin im Linden-Museum in Stuttgart ausgestellt wurden.

In Namibia hat die deutsche Kolonialherrschaft tiefe Spuren hinterlassen, die so schnell nicht vergessen werden können. Das Land kämpft noch immer gegen extreme Armut an, viele Menschen leben von weniger als zwei US-Dollar am Tag. Bis 2025 soll die extreme Armut jedoch vollständig beseitigt werden.

2014 hat die Universität Freiburg bereits 14 Schädel aus der Ecker-Sammlung an Namibia zurückgegeben – ein erster, wichtiger Schritt in Richtung einer Erinnerungskultur der Stadt Freiburg. Trotzdem dauerte es noch vier weitere Jahre, bis die Eckerstraße im Freiburger Stadtviertel Herden in die Ernst Zermelo Straße umbenannt wurde. „Es wäre wünschenswert, dass Freiburg sich weiterhin mit dieser komplexen Geschichte auseinandersetzt, Formate und Projekte entwickelt, die die Themen in eine breitere Bevölkerung tragen und damit eine umfassende Erinnerungsarbeit stattfinden kann“, sagt Julia Rensing.

Übersetzung Charlotte Müller

Über den Autor
Durand Morel
Cyprien Durand Morel

Cyprien kommt aus Frankreich und ist 22 Jahre alt. Er studiert im Master deutsch-französische Journalistik in Freiburg. Er treibt gerne Mannschaftsport und interessiert sich für zugewanderte Menschen in Deutschland, ganz besonders für die türkische Minderheit.

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