Eine Heimat zwischen den Sprachen

Interview Nabila Bitch und Sahra Toullier-Smain

Englisch, Französisch, Deutsch: Als Übersetzer und Dolmetscher vermittelte Niall Bond lange Zeit zwischen den Sprachen. Heute lehrt er als Dozent an der Universität Lyon 2. Das Konzept der Interkulturalität spielt für ihn nicht nur beruflich, sondern auch privat eine große Rolle. Nabila Bitch und Sahra Toullier-Smain haben mit ihm über Heimat, Identität und die Macht der Sprache gesprochen.

Nabila Bitch und Sahra Toullier-Smain: Schon als Kind haben Sie in verschiedenen Ländern gelebt, Frankreich haben Sie zu Ihrer Wahlheimat gemacht. Wie antworten Sie, wenn man Sie nach Ihrer Herkunft fragt?

Niall Bond: Das ist eine Frage, mit der ich mich schwertue. Geboren bin ich in Belfast, in Nordirland. Als ich noch sehr klein war, ist meine Familie dann in die Vereinigten Staaten ausgewandert – dort bin ich auch aufgewachsen. Obwohl ich die nordirische und die britische Staatsangehörigkeit habe, verbindet mich mit meinem Geburtsland bis heute wenig – alle Verwandten sind mittlerweile weggezogen. Für das Studium hat es mich dann nach Deutschland verschlagen. Ein Studium in den Vereinigten Staaten konnte ich mir damals wegen der hohen Gebühren nicht leisten. Der deutsche Sozialstaat hat mir ein Universitätsstudium ermöglicht – und dafür bin ich nach wie vor dankbar. Trotz meiner anglo-irischen und deutschen Wurzeln bin ich heute aber „Wahlfranzose“.

Wie haben diese verschiedenen Erfahrungen ihre eigene Identität geprägt?

Fragen nach der Identität, die immer auch ein Stück weit darauf hinauslaufen, dass man der ein oder anderen Gemeinschaft angehört, hat schon ein deutscher Sozialphilosoph am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gestellt – mein Urgroßvater, Ferdinand Tönnies. In seinem Buch Gemeinschaft und Gesellschaft stellt er den Jüngling dar, der seiner Gemeinschaft den Rücken kehrt und in die Gesellschaft geht „wie in die Fremde“. Meine Erfahrung war eine andere: Ich habe Gemeinschaft damals im Miteinander mit meinen deutschen Verwandten gefunden.

Über den vor Kurzem verstorbenen Übersetzungstheoretiker George Steiner hat einmal jemand gesagt, er gehöre keiner Gemeinschaft an. Dem möchte ich widersprechen: Meiner Meinung nach war er vielmehr Teil von vielen verschiedenen Gemeinschaften, weil er als Übersetzer Menschen aus unterschiedlichen Sprachgemeinschaften verstehen und mit ihnen kommunizieren konnte. Auch wenn ich Tönnies Gedankengang interessant finde, sein Kollege Georg Simmel hat unsere Einbindung in Beziehungen meiner Meinung nach eher getroffen, indem er ein Netz von sozialen Wechselwirkungen beschreibt, bei denen es keine natürliche Hierarchie gibt. Wir sind demnach alle Hybride und werden durch unterschiedliche Faktoren geprägt. Das zeigt sich vor allem bei Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen: Sobald sie die Sprache wechseln, können manche Menschen der ersten Sprachgemeinschaft sie nicht mehr verstehen.

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Fühlen Sie sich einer Kultur eher zugehörig als einer anderen? 

Ich liebe die französische Kultur – es ist kein Zufall, dass ich bewusst entschieden habe, in Frankreich zu leben. Dort gibt es einen spielerischen Umgang mit Regeln. Prinzipienfragen weicht man oft aus. Ein typisch deutscher Spruch, wie „das Gebot der Konsequenz“ ist hier weniger verständlich. Meines Erachtens kann kaum ein Land die Lebenskunst in Frankreich übertreffen. Diese Blüten der französischen Kultur kann man gerade deshalb schätzen, da Frankreich une terre d’accueil ist, und das Fremde zähmend aufnimmt und begütigt. An der deutschen Kultur dagegen liebe ich – so merkwürdig das klingen mag – , dass Meinungsunterschiede so direkt und unverblümt ausgetragen werden. Einzelne Denker denken dort so radikal.

Und dann wären da noch ihre britisch-irischen Wurzeln.

An meiner britischen Kultur schätze ich nicht nur den Reichtum der Sprache und die Bereitschaft, alles aufzunehmen, sondern auch den Humor und insbesondere die Ironie und die Exzentrizität. Das Geschichtsbild der meisten Briten ist allerdings revisionsbedürftig geworden, wie der Brexit gezeigt hat. 

War Ihr interkultureller Lebensstil auch manchmal eine Herausforderung?

Als Jugendlicher und junger Erwachsener habe ich eine schwere Zeit durchgemacht. Das lag aber nicht an der Vielfalt der Kulturen, in denen ich aufgewachsen bin, sondern daran, dass mich meine Familie verstieß und ich mich mit 17 allein durchschlagen musste. Vieles an der amerikanischen Kultur und ihrer Wertehierarchie lehnte ich ab. In Alabama, wo ich aufgewachsen bin, war es fast unmöglich, intellektuelle Interessen zu pflegen. Wer sich intellektuell interessierte, war an einer amerikanischen High School eher ein Außenseiter und galt sofort als „Nerd“. Offenheit habe ich in der Hinsicht nur bei meinen jüdischen Freunden gefunden. Heute weiß ich, dass viele dieser Eindrücke absolut subjektiv waren. Viele meiner interessantesten Freunde kommen aus den Staaten. In Europa habe ich mich dann eher zu Hause gefühlt. In Deutschland waren viele Dinge anders.

Sie sind Anfang der 1980er nach Deutschland gekommen – mitten in der Zeit des kalten Krieges. In Deutschland herrschte damals von Seiten der linken Studentenschaft ein allgemeines Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten und gleichzeitig gewann die amerikanische Popkultur immer mehr an Bedeutung. Hat Ihnen Ihre amerikanische und englische Herkunft damals einen Vorteil verschafft?

Von Vorteil war auf jeden Fall meine englische Muttersprache, die ich als Lehrer und Übersetzer und später als Konferenzdolmetscher einsetzen konnte. Die Jugendlichen an deutschen Universitäten waren gar nicht so amerikabegeistert. In der übrigen Bevölkerung sah es anders aus – da waren die Menschen viel offener und enthusiastischer.  

Und wie ist das mit der französischen Sprache?

Französisch ist auch eine internationale Sprache, une langue véhiculaire. Das geschriebene Französisch ist ein Minenfeld und auch französische Studierende müssen lernen, ihre Muttersprache zu pflegen. Viele verlassen sich nur noch auf die Technik und beherrschen die Grammatik ihrer eigenen Sprache nicht mehr korrekt. Wenn man eine andere Sprache lernt, kann das auch dabei helfen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie die eigene Sprache eigentlich funktioniert. Das kann man auch auf die Kultur übertragen: Wenn man sich zwischen verschiedenen Kulturen bewegt, stellt man fest, dass Normen, Regeln und Erwartungshaltungen oft andere sind. Dadurch können wir uns bewusst werden, welche Normen „richtig“ sind und welchen Platz sie für Selbstentfaltung lassen – davon handelt unter anderem mein Kurs im Minerve-Programm.

Das europäische Minerve-Programm bietet Kurse auf Deutsch an und lädt dafür auch Dozierende von deutschen Universitäten nach Lyon ein. Sie sind seit 2019 als deutschsprachiger Dozent im Programm dabei. Was gefällt Ihnen an dieser Arbeit besonders?

Als Dozent habe ich hier Gelegenheit, das zu vermitteln, was ich an meiner akademischen Ausbildung in Deutschland am meisten geschätzt habe:  eine frühe Einführung in die Forschung, eine bunt gemischte Gruppe von Studierenden, die sich nicht nur auf zwei Sprachen verständigen können, sondern auch lernen wollen, wie man soziologische, politische, geographische, historische oder ökonomische Phänomene wissenschaftlich analysiert. Dass die Kurse auf Deutsch stattfinden, kommt mir entgegen. Viele philosophische Ideen und Werkzeuge zur Analyse dieser verschiedenen Phänomene wurden außerdem auf Deutsch formuliert.

Dabei hat Deutsch doch in vielen anderen Sprachgemeinschaften den Ruf, sehr schwierig zu sein, oder?

Das stimmt, aber dennoch ist Deutsch sehr schön, plastisch und musikalisch. Mein Sinn für die deutsche Sprachmelodie kommt von meiner Auseinandersetzung mit Liedern, die der bekannte deutsche Lied- und Opernsänger Dietrich Fischer-Dieskau gesungen hat. Die flexible Syntax im Deutschen bietet grenzenlose Formulierungsmöglichkeiten. Überhaupt empfehle ich Sprachstudenten sich mit dem Liedgut auseinanderzusetzen, das die Sprache, die sie gerade lernen, zu bieten hat.

Das Gefühl von Heimat muss nicht immer zwangsläufig von nationalen Grenzen abhängig sein. Wo fühlen Sie sich hier an Ihrem Arbeitsplatz an der Universität besonders „zu Hause“?

Hier an der Universität fühle mich in zwei Abteilungen besonders zu Hause. Einerseits in der Abteilung angewandter Sprachwissenschaften (LEA). Dort habe ich es mit Studierenden zu tun, die den Ehrgeiz haben, mindestens drei Sprachen fließend zu beherrschen. Besonders angekommen fühle ich mich auch in meiner Arbeit für das Minerve-Programm.

Welchen Rat würden Sie Studierenden mitgeben, die einen internationalen Weg einschlagen wollen?

Die Universitäten in Frankreich bietet unterschiedliche internationale Wege an. Den Luxus eines Erasmusprogramms gab es zu meiner Zeit nicht.  Nachdem ich mein Studium der Politikwissenschaft in Deutschland abgeschlossen hatte, wollte ich etwas Neues kennenlernen und bin nach Montpellier gegangen, um dort ein Aufbaustudium in Geschichte draufzusetzen. Wenn das Ziel der Studierenden nicht über institutionell geebnete Wege zu erreichen ist, finden sie vielleicht einen anderen Weg dorthin. Die Nichtexistenz von Grenzen in Europa – und keiner kann sagen, wie lange sie dauern wird – ist etwas, von dem die Studenten unbedingt möglichst viel profitieren sollten. 


Interviewpartner
Niall Bond

Niall Bond ist Dozent für Politikwissenschaften, Germanistik, Anglistik und Geschichte. Er lernt schon als Jugendlicher, was es heißt, nationale Grenzen zu überschreiten. Jahrelang arbeitet er als Übersetzer und Dolmetscher für Deutsch, Englisch und Französisch. Heute ist er Mitglied des Fachbereichs für angewandte Sprachen an der Universität Lumière Lyon 2.


Über die Autorinnen
Nabila Bitch Portrait
Nabila Bitch

Ich bin Nabila und studiere im zweiten Jahr Angewandte Fremdsprachen Deutsch und Englisch in Lyon. Ich bin in Italien geboren aber meine Familie ist arabisch. Ich glaube, deswegen habe ich mich auch schon immer für die Kulturen und Traditionen der Welt interessiert und liebe Sprachen.

Sahra Toullier-Smain

Sahra ist 20 Jahre alt. Musik und Deutschland sind ihre Leidenschaften. Sie studiert Fremdsprachen. Sie stammt aus einer Französisch-Algerischen Familie – diese Multikulturalität hat sie zu ihrer Stärke gemacht. In Zukunft möchte sie gerne im Fernsehen arbeiten würde. Sie liebt es, mit so erstaunlichen Menschen zu arbeiten und so viel zu lernen!

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