CNews : ein mediales Sprungbrett für die extreme Rechte?

Ein Text von Léa Filleul

Bei den Europa- und Parlamentswahlen in Frankreich erhielt die rechtsextreme Partei Rassemblement National (RN) letztes Jahr jeweils fast ein Drittel der Stimmen. Das ist ein Rekord. Rechtsextremes Gedankengut setzt sich jedoch nicht nur an den Wahlurnen immer weiter durch, sondern auch in der Medienlandschaft. Ein Trend, der bei dem französischen TV-Sender CNews besonders ausgeprägt ist. Hier treten Meinungen und Klatsch an die Stelle von öffentlichen Debatten und seriösen Informationen. Einige Journalist*innen, Expert*innen und Bürger*innen prangern die Rolle von CNews bei der Verharmlosung des rechtsextremen Diskurses und dem Aufstieg der rechtsextremen politischen Partei an. 

Bei CNews wird Gästen mit rechten und rechtsextremen Ideologien der rote Teppich ausgerollt. In der Wahlabend-Sendung am 9. Juni 2024 wurden keine Vertreter:innen der Linksparteien anwesend. Stattdessen waren alle Kommentator*innen rechtsorientiert. Viele von ihnen stammen aus dem Umfeld von Vincent Bolloré, unter anderem Geoffroy Lejeune, Redaktionsleiter der Zeitung „Journal du dimanche“ oder Louis de Raguenel, Leiter der politischen Abteilung des Radiosenders ,,Europe 1”. Bolloré ist ein französischer Geschäftsmann, der der rechten Szene zugerechnet wird und dem CNews und zahlreiche weitere Medien gehören. 

Dieses politische Ungleichgewicht ist kein isoliertes Phänomen auf dem Sender.  In sechs Monaten waren laut der unabhängigen Website Arrêt sur images von 79 Persönlichkeiten, die von der Moderatorin Sonia Mabrouk interviewt wurden, nur vier Gäste linksgerichtet. Ein auffälliger Kontrast, vor allem im Hinblick auf die Vertretung der Linken in der Nationalversammlung, die fast 30 Prozent der Sitze in der Nationalversammlung innehatte. Gérald-Brice Viret, der Generaldirektor des Medienkonzerns Canal+, zu dem CNews gehört, verteidigt sich in einem Interview mit Radio France. Trotz dieses Ungleichgewichts meint er, CNews sei „ein Kanal des Pluralismus, in dem sich jeder ausdrücken kann“. 

Eine explosive Mischung

Die bevorzugten Themen von CNews sind einfach: Einwanderung und Islam. Laut einer Analyse des Netzwerks Sleeping Giants im Jahr 2023, erwähnt CNews die Begriffe „Islam“ und „Migration“ an 335 Tagen von 365 in den Schlagzeilen — also fast jeden Tag. Auch zwei Lieblingsthemen der extremen Rechten, ebenso wie die Fragen der doppelten Staatsbürgerschaft oder der Rente, die sich auch in ihren Wahl-Programmen wiederfinden. 

Die Kombination von Themen, Moderator*innen und Gästen, die der Rechten und der extremen Rechten zuzuordnen sind und alle auf einer Bühne versammelt sind, hat zu zahlreichen Kontroversen geführt. Beispielsweise vergangenen Mai in der Sendung „L’Heure des pros 2“ des Starmoderators Pascal Praud. In seiner Sendung erklärt Geoffroy Lejeunes des „Journal du dimanche“, dass Antisemitismus und überfüllte Gefängnisse Folgen der „arabisch-muslimischen Einwanderung“ seien – ohne dass Pascal Praud widerspricht.

Diese Aussagen riefen die unabhängige Medienaufsicht Arcom auf den Plan. Sie urteilte, dass diese Äußerungen „mehrere negative Stereotypen transportieren“ und „einer Bevölkerungsgruppe als Ganzes schwerwiegende Taten und Verhaltensweisen zuschreiben“ würden. Geoffroy Lejeune haben eine Verbindung zwischen „Antisemitismus“, „überfüllten Gefängnissen“, „Drogenhandel“ und „arabisch-muslimischer Einwanderung“ hergestellt und damit Zusammenhänge geschaffen, deren Kausalität nicht erwiesen ist. Diese als offensichtlich dargestellten Assoziationen verwandeln sich in ungeprüfte Wahrheiten, wie mehrere Studien zeigen: Manche Zuschauer:innen halten sie schließlich für echte Tatsachen, während andere vor allem ihre eigenen Überzeugungen bestätigen wollen.

Freundliche Zuschauer*innen

Auch gegen diese Vorwürfe wehrt sich Viret, Generaldirektor von Canal+ in einem Interview mit France Info: „Ich werde nicht zulassen, dass Sie sagen, dass wir auf CNews ein rechtsextremes Prisma haben“. Sonia Mabrouk, eine weitere Moderatorin von CNews, musste ihren Sender bei einer Anhörung vor der parlamentarischen Untersuchungskommission zur Vergabe der Frequenzen für das digitale terrestrische Fernsehen nach den Vorwürfen der Arcom verteidigen. Sie erklärte, dass CNews sich an ein Publikum mit unterschiedlichen politischen Meinungen wende, Die migrationsfeindlichen und konservativen Aussagen von CNews stoßen jedoch bei rechtsextremen Zuschauer:innen auf offene Ohren. 

Im Mai dieses Jahres wurde CNews zum führenden Nachrichtensender in Frankreich, gefolgt von BFM-TV, weit vor LCI und FranceInfo. Laut dem Politikwissenschaftler Julien Labarre ist es CNews gelungen, ein ganzes rechtsextremes Publikum einzufangen. Der Sender bietet nun Inhalte an, die den Erwartungen dieses Publikums entsprechen. In seiner Vergleichsstudie zwischen CNews und Fox News belegt Julien Labarre unmissverständlich: Das Publikum von CNews neigt bei weitem am stärksten nach rechts.

Julien Labarre

In dieser repräsentativen Studie analysiert Julien Labarre insbesondere die politischen Präferenzen, das Wahlverhalten und die Nutzungshäufigkeit der Zuschauer:innen für jeden der untersuchten französischen Fernsehsender. Sein Ergebnis: Die Zuschauer*innen von CNews stehen weiter rechts als der Durchschnitt der Franzosen. Und je öfter sie einschalten, desto weiter rechts stehen sie. Dieser Trend könnte sich auch in den Wahlergebnissen der rechtsextremen Partei Rassemblement National widerspiegeln. Bei den Zuschauer:innen von CNews, die den Sender mehrmals täglich einschalten, erhielt die Parteichefin Marine Le Pen 67 Prozent der Stimmen 25 Prozentpunkte mehr als der Rest der befragten Franzosen. 

Spärliche Konsequenzen für CNews

Vincent Bolloré hat CNews in eine Art Fox News verwandelt. Diese Metamorphose ging jedoch auf Kosten der Einhaltung der journalistischen Ethik und veranlasste die Arcom, vermehrt Sanktionen wie Rügen und Geldstrafen gegen die Sender der Bolloré-Gruppe C8 und CNews zu verhängen. Die Verstöße nehmen aber sogar weiter zu. 

Im Jahr 2019 hatten die beiden Sender zusammen noch drei Rügen wegen Verstößen gegen die „Verpflichtungen der audiovisuellen Sender, nicht zu Hass anzustiften und ehrliche Informationen zu liefern“. Allein bis Mitte November 2024 erreichten sie laut der Zeitung Le Monde einen Rekord von 16 Rügen. In zwölf Jahren kommt der Sender damit auf insgesamt 52 Rügen. CNews wird beispielsweise vorgeworfen, die Regeln des Pluralismus missachtet zu haben. In Hinblick auf Wahlen nimmt die Arcom die Sendezeit jeder Partei in den französischen Medien unter die Lupe, um die abgestufte Chancengleichheit zu wahren. CNews soll jedoch die Redezeit rechter Gäste nicht angegeben haben, zum Beispiel im Fall von  Philippe Villiers, einem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten und Unterstützer von Éric Zemmour. Zwischen Mai und Juli 2023 konnte Philippe Villiers als vermeintlicher politischer Kommentator seine Meinung zu aktuellen Ereignissen teilen. Er ist jedoch Politiker, nicht etwa Journalist.

Letzten Februar verlangte das Bundesverwaltungsgericht von  der Arcom, ihre Kontrolle über diesen Sender zu verstärken. Frankreich verfügt über ein System zur Regulierung der Medien, das laut Julien Labarre pluralistische und unparteiische Informationen fördern soll. Das Informationsmanagement auf CNews, das sich selbst als pluralistisch und objektiv bezeichnet, wirft jedoch Fragen über die Sanktionsmöglichkeiten für solche Verstöße und den Nutzen der Regulierungsbehörden auf, die es bislang nicht ermöglichen, die redaktionelle Linie dieses kontinuierlichen Nachrichtensenders wieder ins Gleichgewicht zu bringen. 

Über die Autorin:
Léa Filleul

Léa ist Studentin im Masterstudiengang Kommunikation am ISCOM und studiert parallel dazu Sprachen und Kulturen der germanischen Welten an der Universität Straßburg. Da sie sich für aktuelle Ereignisse interessiert, engagiert sie sich gerne in interkulturellen Projekten, die Begegnungen, Austausch und die Entwicklung neuer Kompetenzen fördern.

Zurück nach oben

Entdecke mehr von Stimmen gegen Rassismus und Populismus

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen