Eine Analyse von Samah Sarout
Wenn man in Frankreich oder einem anderen westlichen Land eine rassifizierte Frau ist, bedeutet das zwei diskriminierten Gruppen anzugehören. Wie die Journalistin und Schriftstellerin Nesrine Slaoui in ihrem Buch „Notre dignité“ (zu deutsch: Unsere Würde) schreibt: “Ich bin eine Frau. Der Rassismus verhindert, dass man das sieht, weil eine Frau in der allgemeinen Vorstellung des Westens eine weiße Frau ist. Ich werde vor allem als Araberin, Nordafrikanerin oder Muslimin wahrgenommen – als Fremdkörper in der französischen Nation. Rassifiezierte Frauen werden sowohl durch Sexismus als auch durch Rassismus unsichtbar gemacht“. Diese beiden Elemente sind zwei intrinsische Faktoren, die eng mit der tatsächlichen oder wahrgenommenen Identität einer Person zusammenhängen. Daher tragen rassifizierte Frauen ein doppeltes Gewicht, können aber auch Symbole eines doppelten Engagements für den Kampf für Frauenrechte und den Kampf gegen den Rassismus sein – beides Kämpfe, die pluralistisch sein müssen, findet Slaoui.
Rassifizierte, eingewanderte und besonders muslimische Frauen werden im Westen oft als Opfer wahrgenommen. Denn: In der kollektiven Vorstellung werden diese Frauen von ihren Männern in ihren Ländern unterworfen, wo sie nur Objekte oder gute Hausfrauen zu sein scheinen. In dieser Vorstellung sind die westlichen Länder, insbesondere die weißen Männer, die „Retter“ und nähren so den Mythos des „white saviour“. Dieses Phänomen spiegelt sich besonders gut in französischen Filmen wider, die sich mit Integrationsfragen beschäftigen. Darin werden die schwarzen oder arabische Frauen aus den Arbeitervierteln durch die von Männern geführte Familie in eine Zwangsjacke gesteckt. Und diese Familen würden die Frauen daran hindern, sich voll zu entwickeln, bis sie schlussendlich ihren weißen Traumprinzen treffen, wie in Yvan Attal’s Film “Le brio” zu sehen ist.
Andererseits gibt es auch Filme, die einen Raum für Engagement und Anprangerung bieten, die rassifzierten Frauen eine Stimme geben und dies aus einer feministischen Perspektive. Der Film “Shahid” der iranisch-deutschen Regisseurin Narges Kalhor ist ein Beispiel dafür. In diesem Film, der eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion sein soll, spielt die Schauspielerin Baharak Abdolifard Narges (Shahid) Kalhor in ihrem Kampf gegen die deutsche Bürokratie, indem sie (einfach nur) ihren Vornamen ändern will. Ihr zweiter Vorname Shahid bedeutet nämlich so viel wie Märtyrer und der ist per Definition mit damit verbunden, was nicht mehr existiert, “was tot ist“.
Narges (Shahid) Kalhor findet sich in dem absurden und übermäßig komplexen Getriebe der deutschen Verwaltung verheddert und prangert damit die Schwierigkeiten an, denen Menschen mit Migrationsgeschichte begegnen können – selbst wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. „Ich wusste bereits, dass ich einen Film über dieses Wort [Shahid] und den inneren und äußeren Kampf dieser Frau machen wollte“, sagt Narges Kalhor.

Für den bürokratischen Prozess, ihren Vornamen loszuwerden, wird Narges (Shahid) Kalhor in einer der Szenen des Films gezeigt, wie sie zahlreiche Dokumente bei der Behörde abgibt. Als die Dame in der Verwaltung zu verstehen gibt, dass Narges neben ihrer deutschen Staatsangehörigkeit immer auch ihre iranischen Papiere behalten hat (die sie übrigens unmöglich aufgeben kann), wird ihr Antrag abgelehnt.
Die Regisseurin, die 2007 zum ersten Mal nach Deutschland kam, um in Berlin Urlaub zu machen, und 2009 anlässlich eines Kurzfilmfestivals, an dem sie teilnahm, wieder zurückkehrte, beantragte ihren Status als politisch Geflüchtete und erhielt später die deutsche Staatsbürgerschaft.
Das Thema des Vornamens und seiner Bedeutung – wie klein sie auch sein mag – ist ein Problem, mit dem viele Menschen mit Migrationsgeschichte konfrontiert sind. Ein Name definiert eine Identität, eine Geschichte und einen Stolz für die Person, die ihn trägt. Aber ein Name kann entweder ein Mittel zur Integration oder ein Mittel zur Diskriminierung sein. Laut einer Studie der französischen direction de l’animation de la recherche, des études et des statistiques (DARES) kann ein maghrebinisch klingender Name beispielsweise die Chancen auf einen Arbeitsplatz um 31 Prozent verringern.
Die Regisseurin Narges Kalhor sieht in der Geschichte ihres Filmes, den einen Vornamen loszuwerden, auch eine Form des Patriarchats: “Ich kann meinen Nachnamen ohne Probleme ändern, wenn ich heirate und den Nachnamen eines Mannes annehme, wird mich niemand fragen, wo mein anderer Pass ist”. Wenn man eine Frau und rassifiziert ist, trägt man einen feministischen und einen antirassistischen Kampf aus, aber es sind keine Kämpfe, die sich gegenseitig ausschließen: Man ist nicht entweder Frau oder rassifiziert, man ist unendlich viel von beidem. Das nennt man Intersektionalität. Eine Person kann also Teil mehrerer sozialer Gruppen sein.
Im Film “Shahid” ist die Last des Erbes, der Vergangenheit und der Traditionen von Narges wie personifiziert. Jede Szene des Films beginnt mit Narges‘ Figur, die in Fötusstellung nackt auf dem Boden liegt. Um sie herum tanzt eine Gruppe von Männern, die ihr keinen Raum lassen, um aufzustehen und ihren Platz in dieser Welt einzunehmen. „Sie ist wie ein Embryo, so sehr diesem Kreis von Männern ausgesetzt, dass sie sich so verletzlich fühlt“, erklärt die Regisseurin Narges Kalhor.

Aber bedeutet dieses Bild einer verletzlichen Frau, die Schwierigkeiten hat, ihren Platz in dieser Welt einzunehmen, dass es für Frauen mit Migrationsgeschichte schwieriger ist als für Männer? Auf diese Frage antwortet die Regisseurin Narges Kalhor, dass man zunächst die Migrationsgeschichte definieren muss. Es gibt die Migrationsgeschichte, bei der man Schwarze*r Migrant*in ist, oder ein*e blonde*r, christliche*r Migrant*in. Und wenn man PoC, nicht christlich und eine Frau ist, dann werde man aus Sicht der Okzidentalen als Opfer betrachtet, so Kalhor. Dann haben alle Mitleid. Aber wenn die gleiche Person ein Mann ist, wird er Kalhor zufolge als Henker wahrgenommen: Als Mann muss man beweisen, dass man harmlos ist, Frauen hingegen sind in der Regel Opfer des Patriarchats in den Ländern, aus denen man geflohen ist.
Am Ende des Films “Shahid” erfährt die Protagonistin, dass die ganze Geschichte um ihren Namen, die nur durch die Männer ihrer Familie geschrieben wird, eine Lüge ist und dass die erste Trägerin des Namens Shahid, die erste wirkliche Märtyrerin, ihre Ur-Ur-Großmutter und nicht ihr Ur-Ur-Großvater ist. “Bis heute wurden eigentlich die Geschichte, die Wissenschaft und Religionen von Männern geschrieben. Wir Frauen haben fast keinen Anteil daran”, sagt Kalhor über diesen Twist im Film. “Alles wurde immer von unseren Vätern und Urgroßvätern erzählt. Bei uns kommt der Familienname immer von der Seite des Vaters und das bedeutet, dass die Frauen unsichtbar sind”, stellt sie fest.
Der Film geht auf mehreren Ebenen der Frage nach Identität nach – und einem Konflikt zwischen Generationen, nämlich einem Enkelkind, das mit seinem Namen von der Vergangenheit gezeichnet ist. Doch der Film stellt damit auch neue Fragen: Macht dann eine persönliche oder familiäre Geschichte unsere Identität aus? Kann ein Individuum ohne seine Geschichte leben? Für Narges ist ein Individuum ohne seine Geschichte nicht denkbar, es wäre sogar gefährlich, es so wahrzunehmen: „Ich lebe jetzt seit 15 Jahren in Deutschland. Und die Deutschen von heute sind die Enkel derjenigen, die zwischen 1933 und 1940 an die Macht kamen, also der Nazis. Sie haben damit nicht direkt etwas zu tun. Aber die Geschichte ist ein Teil davon. Man kann kein Individuum ohne Hintergrund haben. Und ich denke, es ist so wichtig, dass wir uns dessen bewusst sind“. Ein Bewusstsein, das Narges Kalhor durch die Produktion ihres Films “Shahid” zu unterstreichen versucht und das auch einen pluralistischen Feminismus denken will, der Unsichtbaren eine Bühne bietet, eine Stimme für alle Frauen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierung oder Geschichte. Das ist das Prinzip der Intersektionalität, wir sollten nicht alles, was uns definiert, als Gegensatz denken, sondern eher als eine kompatible Mischung.
Über die Autorin:

Samah Sarout, 23 Jahre alt, ist Franko-Marokkanerin und beendet aktuell ihr Medizinstudium in Freiburg. Sie hat sich dafür entschieden, über Themen zu schreiben, die ihr viel bedeuten: Rassismus und Feminismus, weil es Themen sind, die zusammengehören und sie es wichtig findet, darüber zu reden. Sie will, dass ihr Artikel ein „Safe Space“ bietet und zur Reflexion anregt.