Wenn die Hautfarbe über dein Leben entscheidet: „Colorism“ in Indien

Colorism“ prägt das soziale Leben vieler Inder*innen vom Kindesalter an. Partnersuche, Berufschancen, Selbstwertgefühl: Alle diese Lebensbereiche werden von einem möglichst weißen Schönheitsideal beeinflusst. Für viele scheint der einzige Ausweg die Nutzung sogenannter Whitening- oder Bleaching-Cremes, die einen helleren Hautton versprechen. Damit einher auch sozialer Aufstieg, Reichtum und Attraktivität – kurzum: ein besseres Leben. Doch was genau ist eigentlich „Colorism“?

Sie sollte der Ansicht ihrer Familie nach einen helleren Hautton haben. Also wurde ihr Kurkuma ins Gesicht gerieben. Was vielleicht erstmal harmlos klingt, begleitete ein indisches Mädchen dann ein Leben lang. Denn die Hautfarbe entscheidet in Indien von Geburt an über Attraktivität, Status und Chancen eines Menschen – selbst innerhalb der eigenen Familie. Persönliche Erfahrungsberichte von zwei südindischen Student*innen zeigen, wie tief das Ideal eines hellen Hauttons verwurzelt ist, was das für Betroffene bedeutet – und warum sich trotz allem etwas bewegt.

Unter „Colorism“ versteht man eine Form von Rassismus

„Colorism“ ist eine spezifische Form von Rassismus, die nicht nur zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, sondern auch innerhalb einer ethnischen Gruppe auftritt. Hierbei werden Menschen mit hellerem Hautton klar bevorzugt, Menschen mit dunklerem Hautton abgewertet. Die Autorin Alice Walker prägte den Begriff 1983 und definierte ihn als „voreingenommene Bevorzugung von Menschen derselben ‚Ethnie‘ allein aufgrund ihrer Hautfarbe“.

Dahinter steckt eine Hierarchie der Hautfarbe, die maßgeblich auf Stereotypen beruht: Helle Haut wird mit Schönheit, Macht, Intellekt, Bildung, sozialem Status und Eleganz assoziiert, dunkle Haut dagegen mit Unterlegenheit, geringerer Attraktivität, Irrationalität oder gar Barbarismus.

Der Kolonialismus hat das Phänomen verstärkt: In vielen von europäischen Mächten regierten Ländern waren die Herrscher weiß, während die einheimischen Menschen draußen arbeiten mussten und ihre Haut dadurch dunkler wurde. In Indien entstand „Colorism“ jedoch vermutlich schon vor der Kolonialzeit, durch die Kombination von Geschichte, Kultur, Kastensystem und sozialen Strukturen. Experten sind sich über den genauen Ursprung nicht ganz einig – fest steht aber, dass „Colorism“ multifaktoriell ist.

Colorism ist kein rein indisches Phänomen, zeigt sich in Indien allerdings besonders tief im Alltag, in Familienstrukturen und gesellschaftlichen Vorstellungen verankert. Angesichts der enormen geographischen Vielfalt in diesem Land und der damit verbundenen natürlichen Unterschiede in Hauttönen wirkt die Fixierung auf einen möglichst hellen Hautton besonders absurd.

Diskriminierung von Geburt an

„Die indische Gesellschaft ist irgendwie eine Gesellschaft ohne Filter. Die Leute denken etwas und sagen es dir direkt ins Gesicht“, erzählt ein Student aus Südindien. Er kommt aus dem Bundesstaat Kerala, lebt und studiert seit einigen Jahren in Freiburg. Von sich selbst sagt er, in Indien einen ziemlich dunklen Hautton zu haben. Leute hätten ihm deshalb empfohlen, Sonnenschutz zu benutzen, irgendeine Creme aufzutragen oder nicht so oft in die Sonne zu gehen. Er denkt auch: „Die meisten älteren Leute merken gar nicht, dass das, was sie sagen, etwas Schlechtes ist“.

Aber er sieht einen großen Unterschied darin, wie schlimm sich Colorism bei Männern und Frauen in Indien bemerkbar macht. Er und seine Cousine gehörten zu den Dunkelsten in der Familie. „Sie hat ein bisschen mehr darunter gelitten“, sagt der Student. Die Leute haben ihr sogar Kurkuma ins Gesicht gerieben, damit sie heller wird, erinnert er sich. Aber wenn er heute darüber nachdenkt, glaubt er, sie hätte es irgendwie akzeptiert. „Inzwischen macht sie sich sogar selbst ein bisschen darüber lustig. Sie war einfach zu sehr daran gewöhnt. Ich denke, sie hat irgendwann aufgehört, dagegen anzukämpfen“.

Betroffene werden ständig mit Abwertung aufgrund ihres Hauttons konfrontiert. So wird schon früh selbst innerhalb der Familie die Denkweise von Kindern geprägt. Diese Muster setzen sich in der Schule, am Arbeitsplatz und in Universitäten fort, spiegeln sich überall in den Medien wider und verschlechtern sowohl berufliche Chancen als auch Möglichkeiten bei der Partnersuche.

Solche Diskriminierungserfahrungen hinterlassen Spuren: Gefühle von Minderwertigkeit, ständigem Selbstzweifel, Selbsthass, Scham sowie geringem Selbstvertrauen. Ständige Rassismus- und Colorism-Erfahrungen belasten die Psyche stark – einigen Studien zufolge erhöhen sie das Risiko für Bluthochdruck, psychische Probleme und weitere gesundheitliche Beschwerden.

Profit aus Selbstzweifeln: Die Macht der Kosmetikindustrie

Die Schönheitsindustrie nutzt diese Unsicherheiten gezielt aus. Aufhellungsprodukte versprechen nicht nur hellere Haut, sondern auch Anerkennung und bessere Berufschancen. Um sich nicht ausgegrenzt und minderwertig zu fühlen, greifen Menschen mit einem dunkleren Hautton also zu diesen Aufhellungsprodukten – und unterstützen damit selbst das tief in der Gesellschaft verankerte „coloristische“ System.

„Es gab einmal eine Situation, in der mir jemand eine Creme besorgt hat, die ich benutzt habe und die mich tatsächlich ein bisschen heller aussehen ließ“, berichtet eine Studentin aus Tamil Nadu, im Süden Indiens. Auch sie lebt seit einigen Jahren in Freiburg.  Rückblickend glaubt sie, es sei nicht gut gewesen, sie zu verwenden, weil sie die Haut abgeschält hat. Diese Creme mit einigen chemischen Stoffen hat gebrannt und Dinge von der Haut entfernt, die wahrscheinlich nicht entfernt werden sollten, berichtet sie. Man hätte sie dauerhaft benutzen müssen, damit sie wirkt. „Aber ich wusste nicht, wie gesund das überhaupt ist, also habe ich sie nur ein paar Mal benutzt und dann aufgehört”.

Viele der in Indien frei verkäuflichen Hautaufhellungsprodukte sind in Europa wegen ihrer Inhaltsstoffe verboten. Dennoch boomt der Markt – angetrieben von Angst, sozialem Druck und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung. Die Risiken sind hoch: von Hautreizungen bis hin zu langfristigen Folgen wie Hautkrebs. Weltweit erzielt die Branche Milliardenumsätze, und Indien zählt zu den größten Märkten. Trotz der wachsenden Produktpalette für Männer sind es vor allem Frauen, die die Folgen am stärksten spüren.

Doppelte Last: Weibliches Geschlecht und dunkler Hautton

Schönheitsideale beziehen sich schon seit jeher stärker auf das weibliche Aussehen –insbesondere in der indischen Gesellschaft bedeutet es noch einmal etwas anderes, eine Frau zu sein: Es bringt gesellschaftliche Erwartungen und Einschränkungen mit sich – und ein dunkler Hautton verschärft diese in Indien oft erheblich. Ein besonders deutliches Beispiel dafür zeigt sich im Dowry-System. Nach dieser Tradition zahlt bei Hochzeiten die Familie der Braut Mitgift, doch bei Frauen mit einem dunkleren Hautton wird diese oft höher angesetzt, da sie auf dem Heiratsmarkt als „weniger attraktiv“ gelten.

„Ich glaube, meine Eltern waren zuerst total unglücklich, als ich geboren wurde“, berichtet die Studentin aus Tamil Nadu – besonders ihre Großmutter. „Sie war sehr unglücklich darüber, dass ich ein Mädchen bin. Und dann meinten sie auch noch: ‚Sie ist dunkelhäutig …vielleicht wurde das Baby vertauscht oder so. Das ist nicht unser Baby.‘ All diesen Unsinn würd sie erleben, weil ihre Familienmitglieder nicht gebildet sind und es nicht besser wissen.“

Veränderungen stehen noch am Anfang

Zumindest in den jüngeren Generationen scheint das Bewusstsein aber für diese Themen zu wachsen und ein langsames Umdenken stattzufinden. Die Kampagne „Dark is beautiful“, die 2009 von Kavitha Emmanuel ins Leben gerufen und beispielsweise von der Bollywood-Schauspielerin Nandita Das unterstützt wird, trägt dazu bei. Sie bietet Betroffenen eine Plattform, um Diskriminierungserfahrungen zu teilen und organisiert außerdem Medienkompetenz-Workshops und Aufklärungsprogramme in Schulen, um Vorurteile zu bekämpfen.

Auch in der Popkultur wächst die Sichtbarkeit

 “Ich denke, die Menschen sind sich dieses Problems inzwischen bewusst“, sagt der Student. Er sehe entsprechende Veränderungen in der Filmindustrie. Mittlerweile gebe es mehr People of Color, die im Mainstream modeln oder schauspielern und auch Hauptrollen bekommen, sagt er: „Was echt richtig cool ist.”

Seine Kommilitonin betont, wie wichtig Selbstakzeptanz ist, wenn man in einem solchen diskriminierenden System aufwächst: Sie erklärt, wer zulasse, dass andere so mit einem umgingen, unterstütze dieses Verhalten letztlich selbst. In dem Moment, in dem man aufhöre zu erwarten, von anderen akzeptiert zu werden, und beginne, sich selbst anzunehmen, könne man ein besseres und selbstbewussteres Leben führen. Ihr sei bewusst, dass sie nicht die Beste, Schönste oder Hellhäutigste sei, doch halte sie sich in vielerlei Hinsicht für besonders und könne Dinge, die sonst niemand so beherrsche. Jeder Mensch sei auf seine eigene Art einzigartig, beteuert sie.

Ihre Worte machen deutlich: Wer sich selbst akzeptiert, macht den ersten und wichtigsten Schritt, um sich von gesellschaftlichen Schönheitsnormen zu befreien und auf individueller Ebene das System zu durchbrechen.

Über die Autorin

Sarah Höhn ist 25 Jahre alt und momentan in den Endzügen ihres Masterstudiums der Romanischen Sprachen und Literaturen an der Universität Freiburg. Neben ihrer Leidenschaft für Französisch und seit kurzem auch für Katalanisch hat sie in den letzten Jahren auch ein ausgeprägtes Interesse für die indische Kultur entwickelt – vor allem auch die indische Küche. Während ihrer Studienzeit in Freiburg hat Sarah viele indische Freunde gefunden und hat 2024 das Land zum ersten Mal selbst erkundet.

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