Eine Schule ohne Rassismus – geht das?

Murat bekommt in der Deutschprüfung weniger Punkte als Max – nicht wegen schlechterer Leistungen, sondern wegen der Bewertung von angehenden Lehrkräften – Ein Artikel über Rassismus im Schulsystem. 

Von Marie-Sophie Kränke

Zwei Grundschüler schreiben identische Diktate, machen dieselben Fehler und zeigen damit dieselbe Leistung – und trotzdem wird ihre Prüfung unterschiedlich bewertet. Der einzige Unterschied ist der Name der Schüler: „Max“, also ein deutsch klingender Name, schneidet besser ab als „Murat”, dessen Name möglicherweise auf seine Herkunft oder die seiner Eltern hindeutet. In einer experimentellen Studie fanden Forschende der Universität Mannheim in heraus, dass angehende Lehrkräfte im Deutschunterricht der Grundschule schlechtere Diktat-Noten für Schüler*innen mit ausländischen Namen vergaben – auch wenn die Anzahl von Fehlern in den Diktaten gleich war.

Für viele Betroffene ist es die Bestätigung dafür, was sie spüren: Rassismus gibt es auch in der Schule – und nicht als Einzelfall. Lehrkräfte haben oft unbewusst ein Bild von ihren Schüler*innen, das für eine Ungleichbehandlung sorgen kann.

Der unsichtbare Mechanismus: Wenn Vorurteile mitschreiben 

Rassismus in Schulen zeigt sich meist nicht direkt – sondern in Form von unbewussten Denkverzerrungen, die in der Psychologie „Implicite Bias“ genannt werden. Wissenschaftlicher*innen der Uni Bamberg zufolge meint der Begriff Vorannahmen, Einstellungen und Stereotype, die häufig implizit und nicht bewusst vorhanden seien. Diese könnten Wahrnehmung und Verhalten durch Kategoriedenken beeinflussen, sodass bestehende Reaktionenen gegenüber einer Gruppe wahrscheinlicher seien als gegenüber einer anderen. Der “Implicit Bias” werde automatisch aktiviert und gelte als möglicher Faktor für die Aufrechterhaltung von Diskriminierung.

Wer beispielsweise einen ausländisch klingenden Namen liest, denkt möglicherweise unbewusst in Kategorien und hat andere Wahrnehmungen. Ein Fehler, der bei Max nachlässig erscheint, wirkt bei Murat plötzlich deutlicher, gravierender und„typischer“, so die Schlussfolgerung der Forscher*innen aus Mannheim. 

Veranschaulichung von Urteilsverzerrungen, „wie ein Knoten im Kopf entsteht“. Gezeichnet: Marie-Sophie Kränke

Dabei spricht die Forschung davon, dass Lehrkräfte diese Verzerrungen und Diskriminierungen nicht absichtlich einbauen, sondern ganz unbewusst entstehen. Damit kann das Klassenzimmer zu einem Ort werden, an dem nicht nur Leistung bewertet wird – sondern gesellschaftliche Stereotype. 

Der gefährliche Kreislauf: Wenn niedrige Erwartungen Leben prägen 

Die Folgen liegen auf der Hand: Schüler*innen, die wiederholt schlechter beurteilt werden, verlieren das Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Das Selbstwertgefühl bröckelt, die Motivation sinkt, und letztlich verschlechtern sich die Leistungen wirklich. So kann ein Teufelskreis entstehen, der dann schwer zu durchbrechen ist: Weniger Vertrauen führt zu weniger Ermutigung. Das resultiert wiederum in schlechtere Leistung – und führt zu einer erneuten Bestätigung der Vorurteile. Was bleibt, ist ein System, das Leistung nur scheinbar objektiv misst – und damit Zukunftschancen verzerrt. Darunter würden die Kinder und Jugendliche auch psychisch sehr leiden.

Rassismus ist kein Fehler Einzelner – er steckt im System 

Lehrkräfte rassistisch zu nennen, greift aber zu kurz. Schulen sind Teil einer Gesellschaft, die bis heute von rassistischen Strukturen geprägt ist. Diese Strukturen wirken im Alltag weiter. Eine Gesellschaft, wie eine Schule, die vollständig frei von Rassismus ist, gibt es nicht. Selbst die seit Jahren bestehenden gut gemeinten Projekte und Anti-Rassismus-Siegel wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ sind oft nicht mehr als ein Anfang. Ohne echte Veränderung bleiben sie symbolisch. 

Anti-Rassismus Workshops im Lehramtsstudium

Wer in der Schule Verantwortung übernimmt, muss verstehen, wie Vorurteile entstehen – und wie sie sich verhindern lassen. Es existieren zwar bereits Leitfäden – beispielsweise „Die Bildungslücke Rassismus schließen” der Antirassismusbeauftragten der Bundesregierung. Und auch an der Pädagogischen Hochschule Freiburg gibt es für angehende Lehrkräfte Kurse zu Anti-Rassismus und ein “Anti-Bias” Training. Doch im Studium sind sie nicht verpflichtend. Trainings, Reflexion eigener Denkmuster und eine echte Auseinandersetzung mit Rassismus müssten aber längst selbstverständlich sein.

Es besteht also noch Ausbaubedarf. Und auch Schulen selbst müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein: durch klare Strukturen, verbindliche Fortbildungen und eine Kultur, die Ungerechtigkeit nicht ignoriert, sondern thematisiert.

Über die Autorin

Marie-Sophie Kränke (19 Jahre alt) studiert die Fächer Französisch und Englisch an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg, nachdem sie in Frankreich ein FSJ machte. Mit ihrem Artikel möchte sie den Menschen helfen, die bei strukturellem Rassismus oft vergessen werden: Schülerinnen und Schüler.

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