Zweisprachig aufwachsen als Prestige – auch bei Türkisch, Arabisch und Polnisch?

In Deutschland hat fast jede vierte Person Einwanderungsgeschichte. Oft wächst sie zweisprachig auf, also neben Deutsch auch mit einer anderen Sprache. Englisch und Französisch wird dabei oft hoch anerkannt. Sprachen wie Türkisch und Arabisch dagegen nicht in demselben Maße. Davon erzählen auch Freiburger Studierende im Café Multilingua.

Von Charlotte Posern

Wenn ich „Voilà“ oder „Merci“ in ein Gespräch einbaue, dann wirke ich kultiviert und elegant. Französisch wird oft als schöne und romantische Sprache angesehen. Begriffe wie „Habibi“ oder „Yalla“ hingegen erwecken andere Eindrücke. Was überspitzt dargestellt zwei Sprachen und das gesellschaftliche Prestige gegenübergestellt, ist jedoch eine Ungleichbehandlung in der Akzeptanz der Sprachen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. 

Café Multilingua des Studierendenwerks als Safe Space

Diesem Phänomen begegnen wir, wenn auch unbewusst, sehr oft. Aber warum werden manchen Sprachen eine geringere gesellschaftliche Akzeptanz zuteil als anderen? Die studentische Initiative Café Multilingua in Freiburg bietet die Möglichkeit für einen interkulturellen Austausch. Einmal pro Woche findet es auf dem Unigelände statt. 

Wer hierher kommt, kann seine Sprachkenntnisse verbessern – egal, ob in einer Fremd-, oder Muttersprache. Und das Angebot wird gut angenommen. Der Saal ist voll. Die Studierenden stehen mit ihrem Getränk an den Bartischen und kommen ins Gespräch. An jedem Tisch ist eine Flagge angebracht. So werden die Sprachen gekennzeichnet, in der sich am jeweiligen Tisch unterhalten wird. Dabei bildet das Café Multilingua einen offenen und geschützten Raum. 

Auch für Inès. Sie studiert Medizin an der Uni Freiburg. Ihre Eltern kommen aus Marokko. Aber in ihrer Kindheit hat sie zu Hause kaum Arabisch gesprochen. Um sich mit ihrer Familie dort unterhalten zu können und auch der Kultur näher zu kommen, möchte sie ihr Arabisch im Café Multilingua aufbessern.

Deutschland ein Land der Mehrsprachigkeit?

Bei knapp 54 Prozent der Personen mit Einwanderungsgeschichte wird zu Hause neben der Mutterprache (oder der Sprecher der Eltern) auch Deutsch gesprochen. Bei rund einem Viertel ist es ausschließlich Deutsch. Statt in den eigenen vier Wänden verbringen Kinder mehr Zeit in der Kita oder der Grundschule, wo sie nur Deutsch sprechen.

Damit sie also eine zweite Sprache vom Kindesalter an lernen, müssen die Eltern die Muttersprache zu Hause aktiv weitergeben – und das gelingt nicht immer, was dann oft zu einem Kontaktverlust zum Heimatland der Eltern führt. In mehrsprachigen Familien sprechen viele Kinder die Muttersprache nur gebrochen und können sich maximal über Alltagsthemen austauschen. Dadurch geht das Potenzial einer bilingualen Erziehung verloren. Was ist also, wenn Kinder außerhalb der eigenen vier Wände ihre Zweitsprache sprechen?

Im Schwarzwald wird eine Schülerin fürs Türkischsprechen aufm Schulhof  bestraft

In diesem Zusammenhang sorgte ein Fall an einer Grundschule in Blumberg im Schwarzwald vor zwei Jahren für Empörung. Eine Lehrerin wurde in der Pause darauf aufmerksam, wie ein Mädchen mit ihrer Freundin Türkisch sprach. Die Drittklässlerin musste daraufhin einen Aufsatz schreiben und die Frage beantworten: „Warum wir in der Schule Deutsch reden.” Ihre Eltern holten sich einen Anwalt und reichten eine Klage ein. 

Handelt es sich bei der Strafarbeit um eine Rechtswidrigkeit? Immerhin existiert kein generelles Verbot von Fremd- und Muttersprachen in der Pause. Und würde auch das Sprechen von Englisch oder Französisch untersagt werden oder existieren diese Beschränkungen nur für beispielsweise Türkisch? In Deutschland leben rund 20,2 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte. Sprachen wie Russisch, Türkisch, Arabisch, Ukrainisch oder Polnisch sind weit verbreitet. Wenn Kinder in der Schule eine Art Abwertung ihrer Muttersprache vermittelt bekommen, kann das negative Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung und Persönlichkeitsentwicklung haben. 

Studentin macht mit Kopftuch mehr Rassismuserfahrungen

In Deutschland ist Multilingualismus, also dass man mehrere Sprachen spricht, nicht normalisiert, findet eine weitere Studentin, die sich im Café Multilingua dem Gespräch angeschlossen hat. Seit ihrer Kindheit spricht sie deutsch und arabisch. Die Angst vor der Verdrängung der deutschen Sprache und Kultur sowie der Stolz seien in Deutschland zu präsent, sagt sie. Schon öfter habe sie zu hören bekommen: „Du bist in Deutschland, also sprich Deutsch!“

Und noch dazu kommt: Je nachdem, welche Sprachen eine Person spricht, hebt oder senkt das ihren sozialen Status. In der Soziolinguistik wird dies als verschiedene „Marktwerte“ von Sprachen bezeichnet. Englisch, Französisch und Spanisch etwa, die in Deutschland in der Schule gelernt werden, würden demnach Sprachen sein, die meist mit Internationalität verbunden sind. Wer diese Sprachen spricht, erhält oft positive Reaktionen. Wie eine Linguistin der taz im Interview sagte, wird Türkisch dagegen eher mit Gastarbeiter:innen und ihren Nachfahren in Verbindung gebracht – also Gruppen, die eher damit assoziiert sind, sozial ausgegrenzt zu sein, ein niedrigeres Einkommen und niedrigere Bildung zu haben. Und das werte die Sprache ab, so die Expertin.

Die Studentin Inés berichtete auch darüber, dass Arabisch oft als „aggressive“ Sprache wahrgenommen wird, da die Menschen viel gestikulieren und eine expressive Körpersprache nutzen. Das wirke auf Deutsche wegen der sogenannten anderen Kultur befremdlich.

Die andere Studentin erzählte, dass sie ein Schamgefühl verspürt, wenn sich in der Öffentlichkeit andere Menschen sehr laut mit ihr auf Arabisch unterhalten. Sie hat Angst, was andere von ihr denken könnten. Ihrer Meinung nach macht es immer einen Unterschied, wer eine Sprache spricht. Wer ein Kopftuch trägt oder einem äußeren Stereotyp entspricht, wird automatisch anders wahrgenommen, erzählt sie auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen, die sie hat machen müssen. Von ihrer damaligen Lehrerin wurden sie gefragt, ob zu Hause alles “in Ordnung ist?“ und ob es ihr gut gehe, als sie begann ein Kopftuch zu tragen. Sie sagt: Ohne das Kopftuch habee sie weniger Erfahrung mit Rassismus und Diskriminierung gemacht.

Schulen mit zweisprachiger Erziehung eine Lösung?

In den letzten Jahren kamen immer mehr Projekte auf, die Zweisprachigkeit bzw. herkunftssprachlichen Unterricht fördern. In der Rixdorfer Grundschule in Berlin zum Beispiel wurden die „ZwErz“ Klassen eingeführt. „ZwErz“ steht für zweisprachige Erziehung- in dem Fall in Deutsch und Türkisch. Am Ende der sechsten Klasse beherrschen die Schüler beide Sprachen perfekt.

Mit diesem Hintergedanken entstand auch die Institution des Polnischen Sprachencafés in Berlin-Pankow. Für die Gründerin Agatha Koch war klar: Kinder mit Eltern aus Polen sollen eine positive Einstellung zu dem Land ihrer Eltern aufbauen und die Kultur in ihr Leben in Deutschland integrieren können. Dafür finden Lese- und Kulturabende statt, es wird gebastelt und getanzt. Koch zufolge haben Polnisch und andere Sprachen von Menschen mit Migrationsgeschichte keinen Nutzen im deutschen Bildungssystem. Deshalb möchte sie, dass Polnisch an Berliner Schulen als Wahlfach eingeführt wird und einen Anspruch auf Prüfungen in allen Sprachen.

Lässt das Schulsystem in Deutschland Mehrsprachigkeit zu?

Zur Wahrheit gehört nämlich: Viele Konzepte zur Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen haben nur einen Projektcharakter. Sie beruhen oft auf Freiwilligkeit. Fortschritte werden nicht geprüft und sie existieren meist nur für Schüler:innen der ersten bis sechsten Klasse. Es fehlt die Fort- und Ausbildung der Lehrer:innen. Angebote für herkunftssprachlichen Unterricht variieren zudem stark nach den Bundesländern. Das Bildungssystem in Deutschland ist weiterhin auf Einsprachigkeit in Kombination mit zwei Fremdsprachen fokussiert. Meist Englisch und dann Französisch, Spanisch oder Latein.

Eine neue Studie zeigt aber: Mehrsprachigkeit hat einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns – und das egal bei welchen Sprachen. Wichtige kognitive Mechanismen und Netzwerke werden aktiv trainiert und das Risiko für Demenz und beschleunigtes Altern gesenkt.

Strafarbeit der Grundschülerin war rechtswidrig

Im Fall der Drittklässlerin im Schwarzwald entschied das Verwaltungsgericht Freiburg: Die Strafarbeit schreiben zu lassen, war nicht rechtens und verstieß gegen das Persönlichkeitsrecht, Türkisch sprechen zu dürfen. Es betraf aber nur diesen Einzelfall. Das Mädchen, damals 9 Jahre alt, schrieb: „In Deutschland ist die offizielle Sprache Deutsch. Ihr wollt, dass wir Deutsch sprechen.“ Im Rechtsstreit zwischen ihren Eltern und dem Regierungspräsidium Freiburg als Schulaufsichtsbehörde sagte eine Sprecherin: Bei Konflikten  müsse in einer für alle Beteiligten verständlichen Sprache gesprochen werden. Ein heftiger Fall, der sich in Deutschland auch noch öfter ereignen könnte.

Doch Multilingualismus kann die Zusammenarbeit und Integration in einer globalisierten Welt, in der wir leben, fördern. Es wird ein tieferes kulturelles Verständnis und Offenheit für eine vielfältige Gesellschaft geschaffen. Und auf der individuellen Ebene hat zum Beispiel für die Studentin, die arabisch spricht, ihre Zweitsprache auch international eine hohe Anerkennung. Kurzum: Ihre Zweisprachigkeit bietet ihr Karrieremöglichkeiten.

Über die Autorin

Charlotte, 19 Jahre alt, beginnt aktuell ihr Studium der Romanistik (Französisch und Portugiesisch) und Politikwissenschaft. Sie hat sich für dieses Thema entschieden, da ihr während des Blogprojekts bewusst geworden ist, dass auch sie Vorurteile gegenüber Fremdsprachen in sich trägt. Sie möchte auch andere Menschen bei dem Thema zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Schließlich ist es in den Medien wenig präsent.

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