Feiern für mehr Rechte

Miss Mavis Dash at the Homecoming Renaissance show that closed off Drag Night Namibia Cycle, 2023. Photo: Experienced Photography/Drag Night Namibia

Von Franka Olfermann

Die queere Community Namibias auf dem Weg zur Gleichberechtigung

It feels so good to be alive/That’s why I lift my head with pride“ – aus den Lautsprechern dröhnt Beyoncés Song „Be Alive“. Das Publikum jubelt und klatscht. Auf der Bühne performt Miss Mavis Dash in einem silbernen Lykra-Bodysuit und kniehohen Boots, inspiriert von Beyoncés Album „Renaissance“. Auch die anderen Dragqueens auf der Bühne tragen Beyoncé inspirierte Outfits und Accessoires: schwarze Spitzen-Bodysuits, silberne Cowboy-Hüte und Fransen-Tops. Es ist ihr letzter Auftritt des Abends und sie lassen sich noch einmal ordentlich feiern.

Wir befinden uns im Goethe Institut in Windhoek, der Hauptstadt Namibias. Drag Night Namibia ist mittlerweile etabliert in der Kunstszene Windhoek und hat einen stabilen Besucher- und Unterstützerkreis. Auch über die Landesgrenzen hinaus sind einige namibische Dragqueens erfolgreich. 2020 gegründet, ist Drag Night ein wichtiges Event der queeren Szene in Namibia. Es ist ein Ort für das Feiern von queer joy und Solidarität, es geht um das Sichtbarmachen und Platz einnehmen von Queerness. Denn: Dass queere Menschen in der namibischen Öffentlichkeit so präsent sind, ist nicht selbstverständlich.

Die namibische Gesellschaft hat ambivalente Einstellungen zu ihren queeren Mitmenschen. Das zeigen Umfragen aus dem Afrobarometer von letztem Jahr. Während knapp 70 Prozent gegen Recht auf Ehe, Elternschaft und gleiche Rechte sind, hätte etwa die gleiche Anzahl nichts gegen gleichgeschlechtliche Paare als Nachbarn. Das macht Namibia zum dritt-tolerantesten Land Afrikas. Doch das kann nicht über die steigenden Gewaltraten gegen Angehörige der LGBTQ+ Community hinwegtäuschen. In den letzten zwei Jahren wurden laut Aktivist:innen mindestens sechs Menschen durch Hassverbrechen getötet.

Rechtlicher Schutz von queeren Menschen ist in Namibia kaum gegeben. Es gibt weder explizite Antidiskriminierungsgesetze, noch einen dritten Geschlechtseintrag. Die Anerkennung von gleichgeschlechtlicher Partner- oder Elternschaft ist nicht möglich. Erst nach einer geschlechtsangleichenden OP dürfen trans Personen ihren Geschlechtseintrag ändern lassen. Doch in den letzten Jahren hat sich die rechtliche Situation langsam verändert.

Nach jahrelangem Aktivismus der LGBTQ+ Community, urteilte im Juni 2024 das Höchste Gericht, dass das sogenannte „Sodomy Law“ verfassungswidrig ist. Damit wurde dieses Jahr männliche Homosexualität in Namibia entkriminalisiert. Für die queere Community ist das ein riesiger Erfolg. Bereits ein Jahr zuvor im Mai 2023 urteilte der Oberste Gerichtshof, dass Namibia im Ausland geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen anerkennen müsse. Dem vorangegangen waren die Klagen von Paaren, die ihre Ehen in Südafrika oder Deutschland geschlossen hatten. 

„Indem wir vor Gericht ziehen, stärken wir die Gleichstellungsklausel unserer Verfassung – nicht nur für queere Menschen, sondern für kommende Generationen von Namibier:innen“, so beschreibt Omar Van Reenen, Mitgründer:in der queeren Organisation Equal Namibia, dem Guardian die Hintergründe für die Klagen. Rechtliche Erfolge seinen essentiell für den Fortschritt, aber ein „autokratisches Parlament, dass uns in unterdrückerische Praktiken der Apartheidszeit zurückziehen könnte“ stelle eine ernsthafte Gefahr für Demokratie dar, wie die Medienplattform ContextVan Reenen zitiert.

Denn auf diese rechtlichen Erfolge folgte ein politischer Backlash. Als Antwort auf das Urteil zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen 2023 hat das Parlament zwei Gesetze verabschiedet, die die Rechte von queeren Menschen wieder zurücksetzen würden. Die Parlamentarier:innen wollen einerseits die Ehe ausschließlich als Verbindung zwischen gegengeschlechtlichen Partnern definieren. Außerdem soll der geschlechtsneutrale Begriff „spouse“ nur Ehepartner:in des gegensätzlichen Geschlechts bezeichnen. Zudem würde das Gesetz sogenannte „Werbung für gleichgeschlechtliche Ehe“ unter Strafe stellen. In der Praxis hieße das: LGBTQ-Aktivist:innen und ihren Verbündeten drohen Haftstrafen, wenn sie sich für ihre Rechte einsetzen. Diese Gesetze sind allerdings nach über einem Jahr noch nicht in Kraft getreten, da sie noch nicht vom Präsidenten unterschieben wurden.

Die Regierungspartei SWAPO hat die Mehrheit im Parlament. Sie verurteilt Homosexuelle und ihre Praktiken. Und auch in der Opposition sieht es nicht besser aus. Die meisten Parteien wollen nicht einmal die Existenz von queeren Namibier:innen anerkennen. Gegner:innen der gleichgeschlechtlichen Ehe behaupten oft, diese sei „unnamibisch“ und „nicht christlich“. Stattdessen handle es sich um westliche Einflüsse und das Aufzwingen von unafrikanischen Werten.

Historisch gesehen ist es faktisch jedoch genau anders herum. Die rechtliche und soziale Homo- und Transphobie ist ein Produkt des deutschen und europäischen Kolonialismus und nicht etwa die queeren Menschen der namibischen Gesellschaft. Das Sodomy Law, das männliche Homosexualität bis vor kurzem kriminalisierte, ist zum Beispiel ein Überbleibsel des Kolonialismus. Es stammt ursprünglich aus römisch-niederländischem Recht. Aufgrund der südafrikanischen Besatzung Namibias während der Apartheid findet es sich auch im namibischen Recht.

Namibias neuere Kolonialgeschichte

1884 – 1915: deutsche Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“

1904 – 1908: Genozid an den Ovaherero und Nama

1920 – 1946: Südafrika hat UN-Mandat über Namibia, Einführung von Apartheid

1947 – 1989: völkerrechtswidrige Besetzung Namibias durch Südafrika

seit 1990: Unabhängigkeit Namibias [erkämpft von späterer Regierungspartei SWAPO]

Das gleiche gilt für das Christentum und seine Moralvorstellungen. Durch Missionierung wurde eine Vielzahl an lokalen Glaubensrichtungen und Wertevorstellung delegitimiert. In der Geschichte von Queerness im Raum des heutigen Namibias finden sich jedoch zahlreiche linguistische und anthropologische Beweise dafür, dass in präkolonialen Gesellschaften Homosexualität ausgelebt wurde und es auch genderfluide Menschen gab. So gibt es in den Sprachen der San, Ovambo und Ovaherero – einige von vielen Bevölkerungsgruppen Namibias mit eigenen Sprachen – Wörter um unter anderem gleichgeschlechtliche erotische Freundschaften, Partnerschaften und sogenannte „Männer mit weiblichem Geist“ zu beschreiben.

Auch deutsche Ethno- und Anthropologen aus dem 18. und 20. Jahrhundert haben in ihren rassistischen Veröffentlichung Praktiken wie gleichgeschlechtliche Hochzeitszeremonien oder trans Menschen dokumentiert. Es sind also nicht queere Lebensentwürfe, sondern die Verfolgung queerer Menschen „unnamibisch“, wie es die LGBTQ+ Community immer wieder betont.

„Der Großteil der Parlamentarier:innen und Bevölkerung tendieren stark zu konservativen Ideologien, die LGBTO+ Rechte inklusive gleichgeschlechtliche Ehe ablehnen“, beobachtet Ndumba Kamwanyah, Dozent in Human Sciences der University of Namibia (UNAM), im Magazin Context. Er würde beobachten, dass ein fortschrittliches Gericht einerseits und ein konservatives Parlament und eine konservative Gesellschaft, die oft auf traditionelle und religiöse Werte beharren, andererseits, zunehmend auseinander gehen. Ohne erhebliche Veränderungen in der Besetzung des Parlaments oder breiteren gesellschaftlichen Druck, sieht er LGBTQ+ Rechte in Namibia weiterhin gefährdet.

Klar ist, dass sich in Namibia am Status Quo vorerst wenig ändern wird. Bei den Präsidentschaftswahlen Ende November 2024 hat die Regierungspartei SWAPO überraschend deutlich im ersten Wahlgang gewonnen. Doch die queere Community ist resilient. Sie wird weiter für ihre Rechte kämpfen. Es wird weiterhin Drag Performances geben, die Menschen begeistern, die Community empowern und langsam für Veränderung sorgen können.

Über die Auto:rin:
Franka

Franka war das letzte Jahr in Windhoek mit kulturweit, dem internationalen Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission. Während dieses Jahres tauchte Franka tief in die queere Community ein und ist ihr bis heute eng verbunden. Seit diesem Jahr studiert Franka Europäische und Internationale Beziehungen in Strasbourg.

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