Rassismus im Wandel der Zeit: Drei Generationen, drei Perspektiven

Von Jessica Phrakousonh

In dem Haus meiner Großmutter riecht es nach Koriander, Kreuzkümmel und Sternenanis – typische Gewürze für ein traditionelles vietnamesisches Pho. Die Frauen in der Küche sprechen durcheinander und lachen laut, während sich die Männer im Wohnzimmer unterhalten.

Ama, wie ich meine Großmutter nenne, lebt schon seit vielen Jahren in diesem Haus. Die scheinbar willkürlich platzierten Dekorationsstücken wie buddhistische Figuren, Clownspuppen und gläserne Früchte, haben seit Jahren ihren festen Platz. Die eingerahmten Bilder auf der antiken Kommode erzählen die Geschichte meiner Großmutter. Mit 37 Jahren floh sie mit ihrer Familie aus dem Leid der Nachkriegszeit Vietnams in die Schweiz.

Meine Großmutter erzählt uns gerne von schönen Erinnerungen. Über Themen wie Rassismus wird in meiner Familie aber kaum gesprochen. Ich selbst erlebe immer wieder Alltagsrassismus, und der Umgang damit fällt mir schwer. Doch wie ergeht es meiner Familie? Wie unterscheiden sich rassistische Erfahrungen über Generationen hinweg? Ich habe mich mit meiner Großmutter und meiner Mutter zusammengesetzt und sie nach ihren Erlebnissen gefragt. 

In erster Linie müssen wir dankbar sein

»Als Geflüchtete so leben zu können wie wir… da muss man einfach dankbar sein«, sagt meine Großmutter nickend, als ich sie nach ihren rassistischen Erfahrungen in der Schweiz frage. Sie erinnert sich noch genau an den Frühling 1980: Nach langem Warten und Hoffen auf einen Neustart konnte sie, – wenn auch nur mit wenigen Mitteln – gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in die Schweiz flüchten.

»Wir sind zufrieden mit dem, was wir haben. Alle Gemeinden haben uns Sachen gespendet – Kleider, Besteck, Geschirr … Das dürfen wir nie vergessen und müssen immer dankbar dafür sein.«

Es erstaunt mich, mit welchem Optimismus sie auf diese Zeit zurückblickt. Trotzdem spüre ich, dass es für sie keine einfache Zeit war. Sie musste sich immer beweisen und stets mehr geben als andere. »Mein Chef war sehr zufrieden mit mir. Er hat gesagt: Du arbeitest wie fünf Personen. Dabei war ich nur eine einzige.«

Ich merke auch, wie wichtig es meiner Großmutter war, ein perfektes Auftreten an den Tag zu legen und ihre Arbeit immer sorgfältig zu erledigen. Das war ihre Art, Dankbarkeit dafür auszudrücken, dass sie in der Schweiz aufgenommen wurde. Von Rassismuserfahrungen hat sie jedoch nichts erzählt.

Das ist wenig überraschend, erklärt Kishor Paul, Fachexperte für Asyl und Migration bei Amnesty International Schweiz. Er betont, dass die ständige zusätzliche Belastung aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe, – wie sie meine Großmutter erlebte – als strukturelle Diskriminierung verstanden werden kann. Zugleich sei es typisch für die erste Generation, die geflüchtet ist und die Herausforderungen wie Krieg, Flucht oder Armut erlebte, rassistische Erfahrungen nicht als solche zu erkennen. »Sie erleben den neuen Ort als Sicherheit und Chance. Diese Dankbarkeit kann dazu führen, dass rassistische Erfahrungen relativiert werden«, sagt Paul. Viele Diskriminierungen würden als persönliche Hindernisse und nicht als systemische Probleme verstanden werden. Laut dem Experten kann diese strukturelle Diskriminierung zu Stress, Burnout und sozialer Isolation führen. Auch meine Mutter erlebte diese Benachteiligung. Im Gegensatz zu meiner Großmutter, trug sie jedoch schwerwiegende psychische und physische Folgen davon.

Ist es Empathielosigkeit oder doch Rassismus?

Meine Mutter erzählt mir von ihrer ersten Führungsposition in einer Kindertagesstätte: »Ich hatte das Gefühl, dass sie es als Erniedrigung empfanden, eine Ausländerin als Vorgesetzte zu haben.« Meine Mutter wurde ständig als nicht qualifiziert herabgewürdigt, musste sich immerzu unter Beweis stellen, ihren Platz rechtfertigen und dafür kämpfen, respektiert zu werden. Dieser ununterbrochene Kampf gegen Widerstände hatte verheerende Folgen auf ihre Psyche und ihren Körper: »Sonntags habe ich bereits keine Luft mehr bekommen und hatte Bauchschmerzen, wenn ich an den Montag und die neue Arbeitswoche dachte.« Obwohl meine Mutter unter der strukturellen Diskriminierung litt, sagt sie, dass sie solche Situationen stärker gemacht haben. »Jede Konfrontation war schmerzhaft, aber es gab mir einen Ansporn, weiterzumachen.« 

Auch das kann eine typische Reaktion von Betroffenen sein, wie Paul erklärt: »Die Strategien mit Rassismus umzugehen, sind sehr individuell. Manche ziehen sich eher zurück andere kämpfen dagelegen an.«


Auch wenn Paul die Erfahrungen meiner Mutter klar als strukturellen Rassismus identifiziert, fällt ihr das selbst schwer: »Es ist schwer zu sagen, ob das tatsächlich rassistisch war oder einfach ein Ausdruck von Empathielosigkeit. Trotzdem frage ich mich, ob sie mich anders behandelt hätten, wenn ich keine Asiatin wäre .«

Ich möchte in einer rassismusfreien Gesellschaft leben 

Für mich ist Rassismus ein sehr sensibles und emotionales Thema. Auf die Frage, ob ich rassistische Erfahrungen gemacht habe, müsste ich nicht lange überlegen. Meine Antwort lautet »Ja«. Ob auf der Straße, im Freundeskreis, in der Schule oder beim Sport – Menschen erlauben sich oft, mich aufgrund meines Aussehens oder meiner Sprechweise zu bewerten, rassistische Witze zu machen, asiatische Sprachen verspottend nachzuäffen oder meine Schweizer Staatsangehörigkeit infrage zu stellen.

Ich habe gelernt, solche Bemerkungen nicht unkommentiert zu lassen, sondern die Menschen sachlich zu konfrontieren und Rassismus klar zu benennen. Doch auch wenn ich mich bemühe, diese Vorfälle rational anzugehen, bleiben sie nicht ohne emotionale Wirkung. Sie lösen in mir oft Wut und Schmerz aus.

Ich frage mich, warum ich den Rassismus, den ich erlebe, so klar benennen kann, während meine Großmutter die strukturelle Diskriminierung nicht erkennt und meine Mutter sie zwar wahrnimmt, aber nicht klar als Rassismus bezeichnet. Sind die Unterschiede zwischen den Generationen einfach Ausdruck größerer Sensibilität der Jüngeren? Oder gibt es tiefere Ursachen? 

Kishor Paul erklärt, dass diese intergenerationellen Unterschiede auf zwei Hauptfaktoren beruhen. Zum einen wächst mit jeder Generation das Selbstverständnis, auch als Schweizerin anerkannt zu werden. Zum anderen spielte in der Vergangenheit das geringere Bewusstsein für Rassismus eine wesentliche Rolle. 

Die unterschiedlichen Erfahrungen der drei Generationen meiner Familie verdeutlichen, dass Rassismus nicht immer leicht zu erkennen ist. Häufig wird er durch internalisierte Diskriminierung und gesellschaftliche Strukturen verschleiert. Über Generationen hinweg wird er unterschiedlich erlebt und verarbeitet. Die gesellschaftliche Sensibilisierung wie auch die persönliche Resilienz, haben sich verändert. Paul findet die zunehmende Sensibilisierung sehr wichtig: »Sie ermöglicht es Betroffene, ihre Erfahrungen klarer zu formulieren und gezielt nach Unterstützung zu suchen.«

Während meine Familie beim gemeinsamen Essen gespannt den heldenhaften Geschichten meiner Großmutter folgt, fällt mir auf: Trotz der unterschiedlichen Wahrnehmungen und Umgangsweisen eint uns etwas Entscheidendes – der unerschütterliche Wille zur Veränderung und die bedingungslose Liebe für Pho.

Über die Autorin:
Jessica Phrakousonh

Jessica (23) studiert European Global Studies an der Universität Basel und begeistert sich für gesellschaftlich relevante Themen wie Migrations- und Klimapolitik sowie Feminismus. Bereits während ihrer Maturaarbeit, im Verlauf ihres Bachelorstudiums und im Alltag hat sie sich intensiv mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt. Ihr Anliegen ist es, diesen wichtigen Themen Raum für Diskurs und Reflexion zu schaffen und sich für eine Gesellschaft ohne Rassismus einzusetzen.

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