Chancengleichheit im Klassenzimmer? Eher ein Ideal als Realität

Von Emma Kremer

Sheila Elethy Kipling

»Ich war immer im Fight-Modus«, erinnert sich Sheila Elethy Kipling an ihre Schulzeit zurück. Heute ist sie 29 Jahre alt und arbeitet als Restaurantleiterin. Bevor sie in die erste Klasse kam, hatte ihr Vater sie bereits gewarnt: Sie müsse mehr leisten als ihre blonden, blauäugigen Freundinnen, um dieselben Noten zu erhalten. Und dass sie in der Schule als minderwertig gelten werde. »Es war beängstigend«, sagt Kipling. Und trotzdem sollte ihr Vater Recht behalten.

Auch heute, 10 Jahre später, bleibt Chancengleichheit im Klassenzimmer eher ein Ideal als Realität. Bemerkbar macht sich das besonders durch rassistische Erfahrungen von Schüler*Innen. In einem Bericht des Rassismusmonitors aus dem Jahr 2022 berichten 73% der 14- bis 24-Jährigen, die einer rassifizierten Gruppe angehören, eigene Rassismuserfahrungen in Deutschland gemacht zu haben. Die Schule bietet hierfür keinen Safespace, wie die Sinusstudie 2024 zeigt: Zwei von drei Befragten im Alter von 14 bis 17 Jahren gaben an, Diskriminierung im Schulkontext bereits selbst erlebt oder erfahren zu haben. Rassismus in der Schule äußert sich auf viele verschiedene Weisen. Er hat verbale oder rabiate, subtile oder offene Formen.

Karim Fereidooni
Credits: Nils vom Lande

Mit den Vorurteilen gegenüber bestimmten Personengruppen variiert auch die Art der Diskriminierung, erklärt Karim Fereidooni, Professor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle. So werden türkisch, arabisch oder syrisch gelesene männliche Jugendliche häufig als »Macho« bezeichnet. Mädchen, die ein Kopftuch tragen, werden hingegen als Opfer ihrer Religion gesehen, ihnen wird häufig ihr Deutschsein abgesprochen. Schwarze Jugendliche werden als »gefährlich« betrachtet und Sinti*zze  und Rom*nja wird tendenziell abgesprochen, ein produktiver Teil unserer Gesellschaft sein zu wollen. »Es gibt also ganz unterschiedliche rassistische Vorbehalte gegenüber Menschen of Colour«, hält Fereidooni fest. 

Wissenschaftlich belegt ist, dass sich solche Vorurteile in der Schule auf die Leistungseinschätzung der Schüler*innen und somit auch auf die Notengebung auswirken. Eine Studie ergab, dass ein identisches Diktat tendenziell schlechter bewertet wird, wenn es mit dem Namen »Murat« im Vergleich zum Namen »Max« überschrieben ist. Außerdem erhalten sie im Vergleich zu Kindern ohne Migrationshintergrund, die auf demselben Leistungsniveau sind, seltener eine Gymnasialempfehlung. 

Aber auch die tatsächliche Leistung der Schüler*innen wird durch Vorurteile von Lehrkräften direkt beeinflusst.  Psycholog*innen nennen diesen Effekt »Selbsterfüllende Prophezeiung«. Je positiver oder negativer Lehrkräfte ihre Schüler*innen wahrnehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie diese Leistungen auch wirklich erbringen. Obwohl die Effekte und Auswirkungen der selbsterfüllenden Prophezeiung zahlreich belegt wurden, sind sie unter Lehrer*innen kaum bekannt. »Das ist ein Problem«, findet Fereidooni. »Wir müssen anerkennen, dass unterschiedliche Ungleichheitsstrukturen Lehrer*innen beeinflussen. Deshalb muss Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Queer-Feindlichkeit Teil der Ausbildung von Lehrkräften werden, damit sie gezwungen werden, über solche Dinge zu reden.«

Welche Auswirkungen rassistische Vorurteile von Lehrkräften auf die Leistung und psychische Gesundheit junger Menschen haben kann, musste Sheila Elethy Kipling am eigenen Leib erfahren. Als sie nach der Religionsstunde etwas länger brauchte, um ihre Sachen einzupacken, folgte prompt ein Kommentar ihres Lehrers: »Immer diese primitiven Buschkinder…« Im Pädagogikunterricht habe sie sich einmal geweigert, eine Aufgabe zur operanten Konditionierung, einer psychologischen Theorie darüber, wie Menschen durch Bestrafung und Belohnung lernen, zu erledigen. Ihr Lehrer hatte die Aufgabe selbst konstruiert und dabei das N-Wort verwendet. Laut Kipling drohte er ihr zunächst mit einer 6, dann schlug er ihr vor, den Fall vor Gericht zu bringen. Als deutscher Staatsbürger habe er dort sowieso mehr Rechte als sie, meinte der Lehrer. »Ich bin auch deutsche Staatsbürgerin«, habe sie damals erwidert. Einmal, erinnert sich Kipling, sei sie in Deutsch auf einer 3+ gestanden. Mit der Konsequenz, dass sie direkt in eine Auffangklasse versetzt wurde. „Ich kann Deutsch seit meiner Geburt, ich bin hier geboren. Ich brauchte keine Auffangklasse!“, stellt sie klar.

Nicht immer muss sich Rassismus so offensichtlich zeigen. »Im Deutsch-Leistungskurs mussten wir eine Facharbeit schreiben. Ich habe damals schon etliche Monate vor Abgabe angefangen. Ein Betreuer aus meiner Wohngruppe hatte mich dabei unterstützt«, erzählt Kippling. Ihre Lehrerin habe ihr schließlich unterstellt, den Text nicht selbst verfasst zu haben. Das Deutsch sei zu perfekt. Erst nachdem Kipling ihre Quellen vorgezeigt hatte und alle inhaltlichen Fragen zur Arbeit beantworten konnte, bewertete die Lehrerin den Text mit einer 1. Als Gesamtnote erhielt Kipling trotzdem nur eine 2- – die Formatierung habe nicht gestimmt. »Da habe ich verstanden, was eigentlich dahintersteckt«, sagt Kipling, »aber ich hatte keine Kraft mehr zu diskutieren. Ich war einfach machtlos.« Ihre Strategie damals: Möglichst nicht auffallen, sei es mit guten oder mit schlechten Noten. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, mehr leisten zu müssen als ihre Mitschüler*innen ohne Migrationshintergrund, um dieselbe Bewertung zu erhalten. Ihre Schulzeit beschreibt sie mit einem Wort: anstrengend.

Kipling zog ihre Konsequenz: Sie verließ die Schule – aus Angst, ihr Abitur in dieser Umgebung nicht zu schaffen. »Ich hätte mir wirklich Unterstützung gewünscht. Aber ich stand meistens alleine da.« Auch wenn sie ihre Erlebnisse als traumatisch beschreibt, ist es ihr wichtig, darüber zu sprechen, um anderen Betroffenen zu helfen. Ihnen rät sie, sich bei Vertrauenspersonen zu melden. Sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und weiter an die eigenen Fähigkeiten zu glauben. »Nicht versuchen, immer mehr zu leisten, sondern generell versuchen, etwas zu leisten.«

Damals gab es keine Ansprechperson, an die sich Kipling hätte wenden können. Heute gibt es mehr Unterstützung an Schulen. Doch auch diese Angebote können laut Karim Fereidooni noch weiterentwickelt werden. Einzelne Lehrkräfte mithilfe von Fortbildungen konkret zu Diskriminierungsbeauftragten auszubilden sei ein Ansatz. Aber auch Expert*innenvorträge oder Workshops an Schulen könnten helfen. »Fortbildungen sind gut, aber die grundständige Ausbildung ist noch wichtiger« betont Fereidooni. »Und natürlich sollte auch das Lehrer*innenzimmer ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sein. Aber davon sind wir leider noch weit entfernt«, fügt er hinzu. Dabei sei der Migrationshintergrund nur ein Faktor von vielen. Hinzu kämen Sexualität, Alter und weitere Dinge. Trotzdem ist er sicher: »Auch Personen, die diese Lebensrealitäten nicht erfahren haben, können sensibel in Bezug auf Ungleichheitsstrukturen sein.«  

Das Schlimmste, was Lehrer*innen machen können, sei das Negieren von Rassismus an der eigenen Schule. »Dann heißt es: Wir sind Schule ohne Rassismus, das kommt bei uns nicht vor!« Die Realität sieht oft leider anders aus, auch wenn die meisten Lehrkräfte nicht rassistisch sein wollen. »Sie sollten annehmen, dass sie eine andere Lebensrealität besitzen, als manche ihrer Schüler*innen. Und dass sie, auch wenn sie guten Unterricht vorbereiten, Fehler machen«, sagt Fereidooni. 

Schon die Beschäftigung mit der eigenen Biographie könne dabei helfen, rassistische Denkmuster aufzudecken. »Was hat Rassismus dir beigebracht, obwohl du nicht rassistisch sein willst? Das ist eine meiner Standardfragen. Denken Sie an Kinderlieder, die Sie gesungen haben, an Kinderbücher, die Sie gelesen haben. Denken Sie an Oma Ernas Achtzigsten Geburtstag: Wie kommen da Geflüchtete vor, wie wird über schwarze Frauen, wie über muslimische Männer geredet?« Im Unterricht sei es ratsam, materialgestützt zu arbeiten. »Ich würde niemals sagen: Karim, komm mal nach vorne und erzähl über deine schlimmste Rassismus-Erfahrung.« Stattdessen sollten Materialien zur Prävention und den Umgang mit Rassismus in der Schule zur Hand genommen werden – von denen es heute genug gebe. Didaktische Materialien und Lerntagebücher nutzen, Vereine einladen, Workshops im Unterricht einbauen, Glossare für sensible Sprache verwenden, all das seien sehr gute Strategien, stellt Karim Fereidooni fest. »Wenn Lehrkräfte im Jahr 2024 etwas gegen Rassismus tun wollen, dann können sie das!«

Über die Autorin:
Emma Kremer

Emma ist 24 Jahre alt und studiert Deutsch-Französische Journalistik in Freiburg und Straßburg. Davor hat sie einen Bachelor in Psychologie gemacht, weshalb ihr psychologische Themen besonders am Herzen liegen. Am Journalismus gefällt ihr vor allem das Erzählen von Geschichten und der Austausch mit verschiedenen Menschen, was ihr auch beim Blogprojekt – neben dem Schwarzwälderkirschtorten-Seminar – am meisten Freude bereitet hat. 

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