Von Philippe Holsten
In Indien ist Hitler überall zu finden – egal ob in Buchläden, auf T-Shirts oder in Filmen. Das mag aus deutscher Sicht erschreckend wirken. Die Gründe hierfür sind aber vielfältiger Natur und gewähren auch einen Einblick in die heutige Politik Indiens.
Eine Buchhandlung in Kerala, am südlichen Zipfel Indiens, in einer neuen, glitzernden Mall. Rechts im Bücherregal grinst ein Buddha herab, links fixiert einen der freundliche Blick Gandhis. Doch noch ein anderes Gesicht fällt ins Auge: das von Adolf Hitler. Und gleich neben Mein Kampf, lächelt sein weltweit bekanntestes Opfer: Anne Frank.
Außerdem gibt es Filme namens „Hitler“, zum Beispiel einer der erst im September dieses Jahres in die indischen Kinos gekommen ist, oder etwa Serien, wie „Hitler Didi“, die über 400 Folgen lief. Auf T-Shirts oder auf Eiscreme – Hitler ist überall. Auch sein Buch erfreut sich größter Beliebtheit, das Verlagshaus Jaico will zwischen 2003 und 2010 mehr als hunderttausend Kopien von Mein Kampf verkauft haben.
In Indien ist Hitler nämlich längst kein Tabu. Vielmehr ist er bekannt als vermeintlicher Retter Deutschlands. Was die Inder vor allem an Hitler bewundern, ist laut Dr. Maria Framke, Expertin für neueren indischen Geschichte an der Universität Erfurt, vor allem „seine Stärke, Durchsetzungskraft und Disziplin“. In einer Befragung von 2002 gaben 17 Prozent der Studierenden verschiedener indischer Elite-Colleges Hitler als „richtige Führungspersönlichkeit für Indien“ an, noch vor etwa Nelson Mandela.

Etliche indische Zeitgenossen bewunderten Hitler. Ihrer Ansicht nach konnte Deutschland nur durch seine Führung, nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu alter Größe zurückkehren. Er baute die Autobahn, brachte Ordnung und stärkte den Patriotismus. Nebenbei hat er noch gegen die Briten gekämpft, die in Indien verhasste Kolonialherren waren. Dabei handelt es sich jedoch um ein verkürztes und unvollständiges Bild der Herrschaft der Nationalsozialisten unter Hitler.
Aus deutscher und europäischer Sicht mag diese positive Geschichtsschreibung Hitlers erschreckend wirken. So erging es auch Framke auf ihrer ersten Indienreise 2003. Sie war überrascht über die positive Sicht der Inder auf Hitler und promovierte später zur indischen Beschäftigung mit dem italienischen Faschismus und dem Nationalsozialismus.
Diese Bewunderung beruht vor allem aus einer selektiven Wahrnehmung und „blendet die Verfolgung Andersdenkender, den Rassismus und den Antisemitismus des deutschen Regimes sowie den Holocaust aus“, so Framke. Für die Historikerin sind die Gründe dafür vielfältig. Es beruhe jedoch vor allem auf das „fehlende Wissen über die genauen Hintergründe, die konkreten Details und den größeren Kontext der Geschichte des Nationalsozialismus“.
Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Fassungen von Mein Kampf, die in Indien verkauft werden, verkürzt seien, meint sie im SRF-Interview: „Ich kann das nicht verallgemeinern, aber es scheint, dass manchmal gerade die rassistischen Seiten, in denen Hitler sich auch über das indische Volk abfällig äußert, fehlen“. Hitler bezeichnete die indischen Freiheitskämpfer unter anderem als „asiatische Gaukler“.
Einige Gründe sind auch in der Geschichte zu finden. Indien war bis 1947 unter britischer Kolonialherrschaft. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Presse streng durch die britischen Kolonialherren zensiert. Nur sehr wenige Informationen zum Holocaust erreichten die Bevölkerung. „Bis zum heutigen Tage spielt das Thema keine große Rolle und wird nur selten mit Hitler in Verbindung gebracht“, sagt Framke.
Zudem konzentrierten sich die Inder in erster Linie auf ihrem eigenen Freiheitskampf. Dieser hatte zwar schon 1857 seinen Anfang genommen, nahm aber vor allem ab 1945 in seiner Gewalt zu. Die indische Teilung, zwischen einem hinduistischen Indien und einem muslimischen Pakistan, führte zu viel religiöser Gewalt und zu Zwangsumsiedlungen. Zwar sind die genauen Zahlen unbekannt, doch die BBC schätzt, dass eine Million Menschen dabei ums Leben kamen und weitere 15 Millionen Menschen umgesiedelt wurden.
Ein anderer Grund für die anhaltenden Popularität Hitlers könnte auch die derzeitige indische Politik sein. Die derzeitige Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP), unter Premierminister Narendra Modi, wird immer wieder von Intellektuellen mit den Nationalsozialisten verglichen. So zum Beispiel von der erfolgreichen Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy.
Hindus machen in Indien 80 Prozent der Bevölkerung aus. Der Hindu-Nationalismus der BJP vertritt daher die Meinung, dass Indien der Staat der Hindu sein sollte. Dabei lässt Sie jedoch die zahlreichen religiösen Minderheiten außer Acht, zum Beispiel die 200 Million Muslime Indiens. Die BJP ist in ihrem Hindu-Nationalismus islamfeindlich und verehrt Menschen wie etwa Subhash Chandra Bose. Bose war ein indischer Freiheitskämpfer, der mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete und die Wehrmachteinheit Legion Freies Indien aufbaute.
Premierminister Modi selber verkörpert dabei den Retter Indiens. Er sagt selber offen von sich, dass er von Gott ausgesandt sei, um Indien zur Weltmacht zu machen. Muslime bezichtigte er unter anderem “Infiltrators“, also Eindringlinge, zu sein. Wie die Nationalsozialisten vor ihnen greift die BJP Minderheiten an und versucht sie zu verdrängen.
Modi und die BJP haben auch begonnen, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Zugleich gibt es Angriffe auf Muslime, die aufgrund des Verzehrs von Kuhfleisch von hinduistischen Mobs gelyncht werden. Zwischen 2015 und 2018, wurden laut Human Rights Watch 36 Muslime in solchen Angriffen getötet. Kühe gelten für Hindus als heilig und dürfen in keiner Weise verletzt werden. BJP-Politiker rechtfertigen diese Angriffe aufgrund von Tierschutz.
Doch Modi und die BJP mit Hitler zu vergleichen, wie etwa der Oppositionspolitiker Rahul Gandhi 2022, wäre falsch. Indien besitzt noch eine funktionierende Demokratie und unabhängige Zeitungen. In der Parlamentswahl Anfang dieses Jahres hat die BJP nach 10 Jahren ihre Mehrheit verloren und konnte nur mit Hilfe ihrer Koalitionspartner die Regierung stellen. Nichtsdestotrotz sollten wir vorsichtigen bleiben und auf die Politik in Indien und hier in Deutschland achten.
Über den Autor:

Philippe ist seit diesem Jahr Student in Strasbourg. Vorher hat er in Belgien gewohnt und ein Freies Soziales Jahr im Süden Indiens gemacht. Er interessiert sich für Geschichte und Geographie.