„Warum erlebe ich so viel Rassismus, nach allem was ich durchgemacht habe?“

Als Geflüchteter aus dem Irak kommt Tashin Mirza im Jahr 2015 nach Deutschland. Trotz Abitur und gelungener Einfindung in die Gesellschaft erfährt er auch Jahre nach seiner Ankunft noch rassistische Diskriminierung. Clara Brötling hat mit ihm über seine Rassismuserfahrungen gesprochen.  

Du kommst aus dem Irak und bist Ende 2015 aufgrund des Krieges und religiöser Verfolgung mit deinen Verwandten nach Deutschland geflüchtet, um hier neu anzufangen. Wie war das, kurz nach deiner Ankunft in Deutschland?  Hat man dir zu spüren gegeben, dass du aufgrund deiner Herkunft nicht dazugehörst bzw. nicht erwünscht bist?

Ich lebte zunächst für sechs Monate in Gotha, wo ich herzlich aufgenommen wurde und mir nur einmal Rassismus widerfahren ist. An der Ampel zeigte mir ein Mann aus dem Auto heraus den Mittelfinger und beleidigte mich. Ich verstand ihn nicht und habe nur überrascht gelächelt.
Zwei Monate später, als ich bereits in meiner heutigen Heimatstadt Rheda-Wiedenbrück lebte, musst ich mich bei der Ausländerbehörde rassistischen Anfeindungen stellen, als ich von meinem Wunsch erzählte, das Abitur zu absolvieren und anschließend Lehramt zu studieren. Anstatt mich zu unterstützen, wurde mir entgegnet, dass das aufgrund meiner Herkunft und meiner Deutschkenntnisse nicht machbar wäre. Ich wurde gegen meinen Willen auf eine Berufsschule geschickt. Schließlich habe ich mich in einem der beiden Gymnasien im Ort persönlich vorgestellt. Der Schulleiter wies mich auch hier wieder auf meine mangelnden Deutschkenntnisse hin und meinte, dass er keine Geflüchteten mehr aufnehmen würde. Ich erlebte zum ersten Mal, dass ich aufgrund meiner Herkunft und meiner Sprache für dumm gehalten wurde. Das hat mich sehr verletzt. In dem Moment habe ich gemerkt, dass ich nicht von allen herzlich und hilfsbereit aufgenommen werde.

Mittlerweile lebst du schon seit knapp sechs Jahren hier in Deutschland. Du hast dir ein neues Leben aufgebaut, dein Abitur gemacht und dein Studium begonnen. Trotzdem erlebst du auch heute noch rassistische Diskriminierung. Was bedeutet Rassismus für dich?

Rassismus ist für mich die Diskriminierung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion und ihrer Sprache. Rassismus kommt in allen Lebensbereichen vor und ist in der Sprache verankert. Als eine Art Machtstruktur wurde Rassismus von weißen Menschen erfunden, um schwarze Menschen unterzuordnen. Strukturell gibt es keinen Rassismus gegen weiße Menschen ­­­– deshalb sollte es auch keinen Rassismus gegen Menschen mit einer anderen Hautfarbe geben.

Wo begegnet dir Rassismus im Alltag?

Rassismus begegnet mir ständig ­­­– bei den Behörden, beim Einkaufen, beim Zugfahren, beim Feiern und sogar auf dem Fußballplatz.  Als freiwilliger Dolmetscher bin ich oft mit anderen Geflüchteten zu den Behörden gegangen, genauer gesagt zum Sozialamt. Dort habe ich einmal zwei Frauen unterstützt, die von der Flüchtlingsunterkunft in eine Wohnung umziehen wollten. Unser Anliegen wurde nicht ernst genommen und ins Lächerliche gezogen. Ich habe auch erlebt, dass Geflüchteten keine Bescheinigung für einen Arztbesuch ausgestellt wurde. Wenn der Asylantrag noch nicht bewilligt ist, muss das Amt diese Bescheinigung ausstellen. Es wurde argumentiert, dass man in Afghanistan im Krieg ja auch nicht direkt zum Arzt gehen könne und es einfach aushalten müsste. Es hieß, dass man als Flüchtling nicht alles umsonst bekommen würde und auch mal arbeiten gehen solle. Oft hörte ich auch: „Wenn es euch hier nicht gefällt, dann könnt ihr gerne wieder zurückgehen.“ Einmal drohte ich damit, die Polizei zu rufen, woraufhin uns die Bescheinigung direkt ausgestellt wurde. Oft werde ich auch nach meinem Herkunftsort gefragt. Darauf antworte ich immer mit „Rheda-Wiedenbrück“. Ich kann sehr gut unterscheiden, ob eine Person mir zeigen möchte, dass ich nicht zu Deutschland gehöre oder ob sie wirklich Interesse hat. Wenn das der Fall ist, dann erzähle ich gerne von meiner Vergangenheit. Die Menschen, die das fragen, müssen auch nicht grundsätzlich rassistisch eingestellt sein, aber ihre Aussagen kommen oft so an. Ich glaube, dass viele unterschätzen, wie schwer es ist, als Geflüchtete*r in ein neues Land mit einer fremden Kultur und Sprache zu kommen. Das ist wie eine neue Welt. Deshalb darf man nicht direkt Verallgemeinern und Pauschalisieren, denn jeder Mensch ist anders.

Rassistische Diskriminierung existiert leider auch im Sport. Du hast angedeutet, dass dir beim Fußballspielen schon Rassismus begegnet ist. Möchtest du deine Erfahrung mit uns teilen?

Beim Fußball habe ich Rassismus leider schon zwei Mal erlebt. Einmal wurde ich bei einem Auswärtsspiel von einem gegnerischen Spieler getreten und als „Scheiß-Türke“ beleidigt. Ich konnte ihn dafür nur auslachen, aber einer meiner Freunde informierte den Schiedsrichter und es gab Konsequenzen. Ein anderes Mal rief ein deutscher Spieler türkischer Abstammung nach Spielende in meine Richtung: „Abschiebung, Abschiebung! Flüchtlinge raus, Ausländer raus!“ Meine Teamkameraden schritten wieder ein und gaben dem Schiedsrichter Bescheid. Diskriminierung kann eben auch von Menschen ausgehen, die selbst Migrationshintergrund haben. Meiner Erfahrung nach gibt es in solchen Situationen aber immer gute Menschen, die mich unterstützen und sich solidarisch zeigen.

Wie bist du mit Rassismus umgegangen, als er dir zum ersten Mal begegnet ist?

Es hat mich emotional sehr mitgenommen, manchmal traurig und manchmal aggressiv gemacht. Ich habe mich gefragt, warum ich überhaupt nach Deutschland gekommen bin:  Warum erlebe ich so viel Rassismus, nachdem ich so viel durchgemacht habe? Ich hatte damals wahrscheinlich sogar Depressionen. Irgendwann habe ich verstanden, dass nicht ich das Problem bin, sondern die Einstellung der anderen Menschen. Von diesem Moment an habe ich angefangen, das alles mit Humor zu nehmen und Witze darüber zu machen ­­­– auch wenn es manchmal noch schmerzhaft ist. Das hat mir geholfen, die Erfahrungen zu verarbeiten. Trotzdem trifft es mich auch heute noch, wenn jemand sagt: „Geh zurück, wo du herkommst.“ Das erinnert mich an den Krieg. Mittlerweile entgegne ich dann: „Wenn der Zug pünktlich käme, dann wäre ich schon längst in Rheda-Wiedenbrück“.

Wie gehst du heute mit Rassismus um?

Stand-Up-Comedy ist für mich eine Art Rassismus zu verarbeiten. Mir hilft es, diese Erfahrungen mit Humor zu nehmen, um den Umgang damit zu erleichtern und die Zuhörer*innen auf eine lustige Art auf das Geschehene aufmerksam machen. Wichtig sind auch Gespräche mit meinen Freund*innen oder mit meiner Familie, die mir helfen rassistische Diskriminierung zu verarbeiten. Aber auch Sport und Fußball spielen da eine wichtige Rolle: Im Sport habe ich eine Möglichkeit entdeckt, Frust – unter anderem im Zusammenhang mit Rassismus ­­­– abzubauen. Ich wurde in meinem Fußballverein sehr ernst und offen aufgenommen. Wenn ich auf dem Fußballplatz bin, kann ich einfach nur Tahsin sein. Beim Sport geht es weniger um Herkunft, sondern mehr um Leistung. Deshalb konnte ich mich auch so problemlos in die Gruppe integrieren. Dort gelten für alle die gleichen Regeln, egal wo sie herkommen. Ich glaube, das ist der Grund, warum viele Geflüchtete so gerne Fußball spielen.

Laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist die Zahl der eingegangenen Hilferufe aufgrund von rassistischer Diskriminierung im Jahr 2019 im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent gestiegen. Das sind mittlerweile mehr als doppelt so viele Fälle wie noch 2015. Ist dir diese Entwicklung auch aufgefallen?

Tatsächlich habe ich die Zunahme von rassistischen Vorfällen seit 2017 bewusst wahrgenommen. Mir ist Rassismus häufiger im Alltag begegnet, vor allem wenn ich mit anderen Menschen zusammen war. Meiner Ansicht nach haben wir ein strukturelles Rassismusproblem, das tendenziell weiterwächst. Damit gehen wir in eine falsche Richtung. Das konnten wir bei dem rassistischen Angriff in Hanau oder bei dem Attentat auf die aktuelle Oberbürgermeisterin in Köln im Jahr 2015 sehen. Für mich ist es absurd, dass im Jahr 2021 immer noch nicht alle Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem sozialen Status ­­­– als gleich angesehen werden. Das zeigt, dass sich diejenigen, die nicht von Rassismus betroffen sind, noch sehr wenig mit der Problematik auseinandersetzen.

Einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zufolge wurden rund 15 Prozent aller Befragten, die in den letzten zehn Jahren auf Wohnungssuche waren, aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe diskriminiert. Menschen mit Migrationshintergrund sind besonders betroffen. Hast du bei deiner Wohnungssuche ähnliche Erfahrungen gemacht?

Als ich mit meiner Familie in Thüringen und dann später in Rheda-Wiedenbrück gelebt habe, ist uns Rassismus begegnet, als wir aus der Flüchtlingsunterkunft in eine Wohnung ziehen wollten. Beide Male wollten die Vermieter*innen ihre Wohnung schlichtweg nicht an Geflüchtete vermieten. Zum einen hatten sie Angst, dass das Jobcenter die Miete nicht bezahlen würde, was ich noch nachvollziehen konnte. Zum anderen hieß es aber, dass unsere Kultur zu „anders“ sei, wir zu viel Lärm machen und die Nachbarn stören würden. Man wisse nicht, ob das Haus mit uns als Mietern in seinem guten Zustand bleiben würde. Diese Aussagen waren für mich rassistisch und ich hatte das Gefühl aufgrund unseres Geflüchtetenstatus anders behandelt zu werden. Das hat mich sehr getroffen, denn diese Pauschalisierungen und Vorurteile können sehr verletzen. Meiner Tante ging es ähnlich, als sie mithilfe der Diakonie eine Wohnung gefunden hatte. Der Vermieter wollte ihrer Familie die Wohnung jedoch nicht vermieten, da sie „dreckig“ seien und die Wohnung beschädigen könnten. Er warf ihnen vor, Deutschland und die deutsche Kultur zu entfremden. Meine Tante wandte sich daraufhin an die Diakonie, die dem Vermieter mit juristischen Konsequenzen drohte, sollte sich ein solcher Vorfall wiederholen. Ich merke immer wieder: Menschen verhalten sich häufig rassistisch aus Angst vor dem Unbekannten.

Dein Beispiel zeigt, dass deine Tante eine Strategie gefunden hat, mit Rassismus umzugehen: Sie hat sich an die Diakonie gewandt. Wie kann man sich noch gegen Rassismus bei der Wohnungssuche wehren?

Ich finde es sehr wichtig, dass man sich Hilfe holt ­­­– sei es bei der Diakonie, der Caritas oder einer Antidiskriminierungsstelle. Es ist aber auch wichtig, nie aufzugeben und offen mit deutschen Freund*innen darüber zu sprechen. Dadurch können Vorurteile abgebaut werden, Kontakte entstehen und es kann eventuell sogar eine Mietwohnung gefunden werden. Auch wenn man selbst nicht betroffen ist, sollte man sich aktiv gegen diese Art von Rassismus einsetzen.

Was muss sich deiner Meinung nach in unserer Gesellschaft tun, um Alltagsrassismus zu verringern?

Seit ungefähr einem Jahr beschäftigen sich viele Personen, die nicht direkt betroffen sind mit dem Thema Rassismus in den sozialen Medien und machen auf die Problematik aufmerksam. Auch in meinem Freundeskreis bestätigt sich diese Tendenz. Viele haben begriffen, dass Rassismus ein strukturelles Machtproblem ist, das nur gelöst werden kann, wenn es kritisch hinterfragt und dekonstruiert wird. Dieses Bewusstsein macht mich sehr glücklich und stolz, denn Solidarität ist der wichtigste Faktor im Kampf gegen jegliche Form von Diskriminierung. Wir brauchen deshalb Schutzräume und Strukturen für Betroffene, in denen sie sich wohlfühlen und erzählen können, gehört und ernst genommen werden. Ein solcher Ort kann zum Beispiel der Freundeskreis sein. Allein können wir Betroffenen das Problem nicht lösen ­­­– wir brauchen die solidarische Unterstützung der gesamten Gesellschaft. 

Was muss außerdem von Seiten der Politik passieren? 

Die Politik spielt eine wichtige Rolle, wenn es um die Bekämpfung von Rassismus geht. Ich wünsche mir, dass von Seiten der Politik anerkannt wird, dass wir in Deutschland ein grundsätzliches Rassismusproblem haben. Neben einem verstärkten Einsatz von Expert*innen und Sozialarbeiter*innen, die Betroffene unterstützen und ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für die Ursachen und Folgen von Rassismus schaffen, brauchen wir auch härtere Gesetzte, die rassistisches Verhalten bestrafen.

Wie wird sich die Problematik des Alltagsrassismus in Zukunft in Deutschland entwickeln?

Auch wenn es Rassismus leider immer geben wird, bin ich optimistisch, dass wir ihn in Zukunft gemeinsam vermindern können. Die deutsche Gesellschaft ist mittlerweile sehr bunt und offen und viele sind antirassistisch eingestellt. Mit Toleranz und Solidarität können wir es schaffen, andere Menschen nicht anhand von Äußerlichkeiten, sondern anhand ihres Charakters zu beurteilen.

*Artikelbild: Portrait von Tahsin Mirza, fotografiert von Sören Voss


Über die Autorin:
Clara Brötling

… ist eine aus NRW stammende DFJW-Freiwillige, die seit Kurzem in Straßburg lebt und arbeitet. Abgesehen vom Wohnort ist auch das journalistische Schreiben Neuland für sie, doch alles was man mit einem leckeren Apfel in der Hand erkunden kann, muss ja gut sein.

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