Nichts gesehen, nichts gemacht, mitgemacht?

In einer Zeit, in der sich unzählige Menschen online zur „Black Lives Matter“ Bewegung bekennen und sich öffentlichen Demonstrationen anschließen, ist Rassismus im Alltag stets real. Die deutsch-französische Freiwillige Lena Jüngel setzt sich mit eigenen Rassismuserfahrungen auseinander, reflektiert deren Bedeutung und schreibt über ihren eigenen Umgang damit.

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Juli 2020, meine jüngere Schwester und ich gehen gemeinsam einkaufen.

Unsere Mutter ist Deutsche. Sie hat helle Haut und ihr gesamtes Leben in Deutschland verbracht. Unser Vater hat die deutsche Staatsangehörigkeit, er ist Schwarz, stammt ursprünglich aus Guinea, und lebt nun schon seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Meine Schwester und ich haben also beide eine dunklere Hautfarbe als die meisten Deutschen.

An uns und doch gegen uns

Wir befinden uns in einem lokalen Geschäft, in das wir regelmäßig gehen. Während des Einkaufs höre ich einen Mann dicht hinter uns lautstark reden. Anfangs fühle ich mich gar nicht angesprochen. Es dauert einige Sekunden, bis wir realisieren, dass sich seine Aussagen an uns oder besser gesagt gegen uns richten. Abwertend wiederholt er mehrfach, dass wir „hier nicht zu Hause seien“ und „hier nichts verloren“ hätten. Das Geschäft ist gefüllt und die Situation erregt Aufmerksamkeit. Einige starren, andere schauen verlegen weg. Im Schock wissen wir nicht, wie wir reagieren sollen. Irgendwann mischt sich eine Frau ein und sagt dem Mann, dass er seine Kommentare unterlassen solle. Meine Schwester und ich haben unseren Einkaufswagen inzwischen in eine andere Richtung gelenkt und sehen uns perplex an. Kurze Zeit später kommt die Frau erneut auf uns zu und erkundigt sich, ob bei uns alles in Ordnung sei. Sie habe auch bereits das Personal über den Vorfall informiert und hoffe, dass das Verhalten des Mannes Konsequenzen habe. Sichtlich erleichtert bestätigen wir, dass es uns gut ginge und bedanken uns mehrfach. Wir setzen unseren Einkauf mit einem mulmigen Gefühl fort. Ich bin gedanklich abwesend und ertappe mich einige Male dabei, nach dem Mann Ausschau zu halten. Dieser scheint seinen Einkauf normal fortgesetzt zu haben, da wir ihn etwas später aus der Ferne an der Kasse stehen sehen.

Rückblickend betrachtet, war dieses Erlebnis meine prägendste Erfahrung mit Rassismus. Die Reaktionen der Passant*innen waren für mich in diesem Moment aussagekräftiger als die Äußerungen des Mannes selbst. Auch im Nachhinein habe ich diese Situation oft hinterfragt.

Was der „Zuschauer*innen-Effekt“ mit unterlassener Hilfeleistung zu tun hat

Dieser Vorfall lässt sich für mich mit einem Phänomen in Beziehung setzen, welches man vermehrt bei Unfällen beobachten kann. Man will nicht hinsehen, aber kann auch nicht wegschauen. Immer wieder sorgen Berichte über unterlassene Hilfeleistung für Empörung. Dabei handelt es sich oft um Situationen, bei denen viele Menschen anwesend sind.

„Die ersten Erklärungen dieses Phänomens waren von gesellschaftskritischer Natur. Das Wegsehen wurde mit der Anonymität der Großstadt begründet, oder auch mit ‚der moderne Mensch hilft nicht mehr'“, erzählt Fritsche, der als Professor für Sozialpsychologie an der Uni Leipzig lehrt. Die sozialpsychologische Erklärung geht von einem anderen Ansatz aus. „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person in einer Notsituation hilft, nimmt ab, je mehr Zuschauer anwesend sind“, so Fritsche. In der Wissenschaft wird dies „Effekt der passiven Zuschauenden“ oder auch „Zuschauer-Effekt“ genannt, schreibt Annegret Faber in ihrem Artikel „Warum helfen wir nicht immer, obwohl wir es könnten“. Bevor ein Mensch handelt und hilft, muss er dafür zunächst eine Situation als Notfall identifizieren. Sind viele Leute anwesend, nimmt er unterbewusst eine Abwesenheit von Gefahr wahr. Denn Menschen sind soziale Wesen, sie orientierten sich an anderen. Beobachten viele Menschen einen Unfall, wird psychologisch suggeriert, es sei das Richtige, weil es ja alle tun. Durch die Anwesenheit der Gemeinschaft wird daher die Dramatik des Einzelnen oft nicht erkannt. Zudem bedeutet als Erste*r zu helfen auch immer, aus der Masse herauszutreten, sich zu exponieren und dadurch angreifbar zu machen.

Ein 5-Schritte-Modell für alle NICHT Betroffenen

Nun stellt sich die Frage, wie man am besten mit derartigen Situationen umgeht. Die Forscher Latané und Darley haben ein fünf Schritte Modell erarbeitet, an welchem man sich als Zuschauer*in von Unfällen, Gewaltdelikten, (rassistischen) Pöbeleien und generellen Notsituationen orientieren kann.
1) Feststellen, dass etwas passiert.
2) Das Ereignis als Notfall interpretieren.
3) Verantwortung für die Bereitstellung von Hilfe übernehmen.
4) Entscheiden, wie man sich verhalten soll.
5) Hilfe anbieten.

Was wir also brauchen, ist Zivilcourage. Es braucht den Mut der Menschen aus der Bevölkerung, bei Konflikten und Gewalttaten einzugreifen und Hilfe zu leisten.

Dabei ist es nicht zwingend eine gute Idee, Täter*innen direkt zu konfrontieren. Bei rassistischen Beleidigungen in der Öffentlichkeit ist es bereits hilfreich, mit der betroffenen Person zu reden. Die Wissenschaftlerin Uditi Sen ist der Meinung, dass verbale Gewalt und rassistisches Bullying nicht funktioniere, wenn sich beispielsweise mehrere Menschen zu einer Gruppe zusammenschließen, sich unterhalten, um so die betroffene Person zu schützen. Demnach ist es meist besser, Hilfe anzubieten, anstatt direkt ins Geschehen einzugreifen.

Und wie verhalte ich mich am besten als betroffene Person?

Kommt es beispielsweise bei der Arbeit, der Job- oder Wohnungssuche zu Nachteilen, bietet es sich an, sich für Unterstützung an die Antidiskriminierungsstelle zu wenden Zudem haben einige Bundesländer sogenannte „Vorfall-Melder“-Websites eingerichtet, hier kann man sich online mitteilen, wenn man einen rassistischen oder rechten Übergriff erlebt oder beobachtet hat. Nach Beschreibung der Sachlage wird man kontaktiert und wenn das gewünscht ist, werden anschließend weitere Schritte eingeleitet.

Mein oben aufgeführtes Beispiel betreffend, habe ich mich im Nachhinein geärgert, mir keine Hilfe gesucht zu haben. Natürlich bin ich der Frau, die bei meinem Vorfall im Supermarkt eingegriffen hat, dankbar für ihr Handeln. Aber ich denke, es wäre wichtig, solche Situationen zur Anzeige zu bringen. In meinem Fall war der gesamte Laden Videoüberwacht und im Eingangsbereich gab es Security.

Identitätsfindung und Heimatsgefühl

Ich denke, dass der emotionale Umgang mit rassistischen Anfeindungen viel mit der Sichtweise auf sich selbst zu tun hat und stark mit der eigenen Identitätsfindung zusammenhängt. Mit meinem gemischten Hautton ist es mir manchmal schwer gefallen, mich einzuordnen, wenn Leute mich fragten, woher ich komme. Ich habe mich früher vermehrt gefragt, wo ich hingehöre. Dunkler als die meisten Deutschen und heller als die „typischen Afrikaner*innen“, kann man überall als Ausländer*in wahrgenommen werden. Wer sagt, dass man sich überhaupt irgendwo einordnen muss? Natürlich wünscht man sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl und meiner Meinung nach ist der Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, durchaus sinnvoll. Aber am Ende entscheidet jede*r selbst, wo er oder sie sich zu Hause fühlt. Wichtig ist nur zu wissen, dass man nicht alleine ist und sich von niemandem einreden lassen sollte, dass das äußere Erscheinungsbild, die Herkunft, Religion oder andere Faktoren, durch welche man sich vom Durchschnitt abhebt, negativ sind. Man sollte eher beginnen, die Norm zu hinterfragen und aufzuhören, in Schubladen zu denken. Letztendlich sind es doch gerade unsere Unterschiede, die uns Menschen überhaupt interessant machen.

*Artikelbild von Mat Reding / unsplash.com


Über die Autorin:
Lena Jüngel

…die 19 jährige Abiturientin sammelt im Rahmen dieses Projekts erste journalistische Erfahrungen. Normalerweise schlägt sich die Hallenserin mit Hallunken und Halloren durchs Leben. Dieses Jahr trifft man sie entweder im Lockdown zu Hause arbeitend oder in Mulhouse (Frankreich) an. Dort ist sie eingesetzt im NovaTris, dem Zentrum für grenzüberschreitende Kompetenzen an der Université de Haute-Alsace.

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