„Wenn der Papst eine Frau wäre, wäre Abtreibung legal!“

Trotz großer Proteste ist in Ecuador die Entkriminalisierung von Abtreibung auf politischer Ebene 2020 erneut fehlgeschlagen. Clara Brötling hat mit dem Studenten Daniel Freìre Espin aus Ecuador über die aktuelle Situation der Abtreibungspolitik im Zusammenhang mit Populismus und Religion gesprochen.

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Hallo Daniel, erzähle uns doch zunächst ein wenig über dich und wieso du gerade in Frankreich bist?

Ich komme aus Lateinamerika aus einem kleinen Land namens Ecuador. Ich wollte schon immer im Ausland studieren, um internationale Erfahrungen zu sammeln. Daher war ich schon einen Monat in Kanada, um mein Englisch zu verbessern. Als ich die Gelegenheit hatte, mich hier in Frankreich in Straßburg zu bewerben, habe ich es getan und wurde angenommen.

Du bist der Ausschreibung zum Blogprojekt gefolgt und hast deinen eingereichten Beitrag über Populismus geschrieben. Wie funktioniert Populismus für dich?

Für mich ist Populismus eine politische Strategie, die Politiker*innen nutzen, um Wähler*innen zu gewinnen. Mit ihrem Wissen um soziale, politische und religiöse Debatten in ihrem Land appellieren sie an die Volksüberzeugungen der Menschen, die diese seit ihrer Kindheit haben. In Südamerika wird in der Politik oft versucht, die „untere Schicht“ zu erreichen, weil sie den größeren Teil der Bevölkerung ausmacht. Leider muss man sagen, dass dieser Teil weniger gebildet ist. Ich würde sagen, Menschen aus dieser Gesellschaftsschicht folgen eher sogenannten Pseudowissenschaften oder der Religion und hinterfragen diese nicht. Das ist im Alltag ja auch oft leichter. Populist*innen wissen das. Überspitzt gesagt, versuchen sie, diese Menschen ungebildet, ohne Geld und soziale Hilfe zu lassen. Damit ist ihnen der Zugang zu Wissen verwehrt und die Gefahr wächst, dass sie sich populistischen Strömungen anschließen. Die Strategie der Politiker*innen ist es, Vertrauen in der Bevölkerung zu gewinnen. So versuchen sie, auch ihr Verhalten zu ändern. Das ist die Funktionsweise des Populismus.

Hast du auch einen persönlichen Bezug zum Thema Populismus?

Ich habe einige Erfahrungen mit Populismus gemacht. Ich denke, als Südamerikaner*innen sind wir bereits daran gewöhnt. Wir müssen gezwungenermaßen akzeptieren, dass unser Staatschef ein Populist ist. Der ecuadorianische Präsident Lenin Moreno hat in den letzten Jahren viel an Popularität verloren, welche er nun wiedergewinnen möchte. Die meisten Einwohner*innen wissen, dass der Präsident versucht, ein wenig Popularität zu behalten und daher diese Strategie anwendet.

Du hast in deinem Beitrag über Populismus den Aspekt der Abtreibung erwähnt. Kannst du von der aktuellen Situation berichten und einen Zusammenhang zu Populismus herstellen?

In meinem Heimatland Ecuador ist Abtreibung illegal. Selbst in Fällen von Vergewaltigungen. Abtreibungen sind nur dann erlaubt, wenn das Leben oder die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist, oder eine Frau mit geistiger Behinderung vergewaltigt wurde. Ansonsten muss eine Frau, die infolge einer Abtreibung ins Krankenhaus geht, um sich behandeln zu lassen, anschließend mit einer Haftstrafe rechnen. Insbesondere im Oktober 2020 sorgte ein Gesetzesentwurf zur Änderung des Gesundheitsgesetztes und der Einstufung von Schwangerschaftsabbrüchen als geburtshilflichen Notfall für großes Aufsehen. Nach dem Gesetzesentwurf sollten Personen bei einer Behandlung im Krankenhaus aufgrund einer spontanen oder illegalen Abtreibung nicht wie Kriminelle behandelt werden. Religiöse Organisationen drängten den ecuadorianischen Präsidenten Moreno, er solle ein Veto gegen die Änderung des Gesundheitsgesetzes einlegen, da Abtreibung gegen Gott, Religion und Familie sei. 80 Prozent der Einwohner*innen meines Landes sind katholisch. Mit seinem Veto gegen die Änderung hat der ecuadorianische Präsident an eine in der „Unterschichtbevölkerung“ tief verwurzelte Überzeugung, der Religion, appelliert. Er wird von ihnen als jemand wahrgenommen, der ihre Religion und die „gute Moral“ verteidigt, auch wenn es nicht wirklich rational ist. Das stellt den Zusammenhang zum Populismus her.

Das Thema Abtreibung ist also in der Kultur und Gesellschaft Lateinamerikas zurzeit sehr präsent, richtig?

Im Oktober haben wir viel darüber gesprochen, als die mögliche Änderung des Gesundheitsgesetzes sehr aktuell war. Es gab feministische Gruppen, die versuchten, diese Änderung durchzusetzen und auf der anderen Seite deren Gegner*innen. Es war also eine sehr hitzige Debatte. Aktuell ist es ein weniger präsentes, aber nach wie vor spannendes und wichtiges Thema, worüber viele diskutieren wollen. Darüber zu reden ist aber auch eine Angelegenheit, die den Leuten Unbehagen bereitet.

Sogar die Bischofskonferenz sagte aus, das Abtreibungsgesetz sei weit von der Kultur Lateinamerikas entfernt und bat Moreno im Voraus, sein Veto gegen eine Änderung des Gesundheitsgesetzes einzulegen. Denkst du, dass es dem Präsidenten mit dieser Entscheidung tatsächlich gelungen ist, einen Teil der Bevölkerung von sich und seiner Politik zu überzeugen?

Wie ich schon sagte, ist Moreno kein sehr beliebter Präsident. Ich denke, dass sich die Meinung der Menschen, denen ein Gleichgewicht zwischen Wirtschaft, Religion und Sozialem wichtig ist, durch sein Veto gegen die Änderung nicht grundlegend verändert hat. Doch zumindest für die wirklich religiösen Bewohner*innen hat sich die Sichtweise auf den Präsidenten durch seine Entscheidung im positiven Sinne völlig verändert.

Wie erklärst du dir dann, dass die Situation demonstrierender, feministischer Gruppen, die du vorhin schon angesprochen hast, eskalierte, als die Entscheidung Morenos veröffentlicht wurde?

Es ist nicht die Unterschicht, die das Veto gegen die Änderung ablehnt, sondern eher die Frauen, die vor allem aus der Mittel- und Oberschicht kommen. Ich habe wahrgenommen, dass Menschen je mehr sie der Oberschicht angehören, feministischer und progressiver denken. Es waren auch eher die jüngeren Frauen, die dort protestiert haben und sicherlich auch einige, die aus der Unterschicht kamen. Es sind eher die älteren Menschen, die weitgehend aus der Unterschicht kommen und die Änderung des Gesundheitsgesetzes ablehnen. Ich kann dies zwar nicht mit Sicherheit sagen, aber es entspricht meiner persönlichen Wahrnehmung und der anderer.

Bernarda Freire, feministische Aktivistin in Ecuador, sagte der Presse: „Die Vorurteile der Parlamentsmitglieder sind stärker als die Würde vergewaltigter Frauen und Mädchen.“ Wie positionierst du dich zu dieser Aussage?

Ich glaube, dass sie recht hat mit der Aussage. […] Und das ist ziemlich traurig.

„Ich würde es vorziehen gewalttätig zu sein als vergewaltigt und getötet zu werden.“ | Foto: Doménica Burgos

In vielen Fällen sind die Strafen für illegale Abtreibung doppelt so hoch wie die für Vergewaltigung. Hinzu kommt eine hohe Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Phänomenen?

Ja, denn die Phänomene liegen sehr eng beieinander. Frauen werden oft zu bestimmten Verhaltensweisen gezwungen, die oftmals sehr konservativ und sexistisch sind. So sollen Frauen demnach beispielsweise die Kinder aufziehen oder sich „richtig“ kleiden um sexuelle Belästigungen, ungewollte Schwangerschaften und daraus resultierende Abtreibungen zu vermeiden. Dieses Zwingen kann manchmal zu Gewalt werden. Denn wie du sagtest, ist die Strafe für Abtreibung sehr hoch.

Wenn du mit Präsident Moreno sprechen könntest, was würdest du ihm sagen?

Ich würde ihn fragen, warum er so schlechte Entscheidungen trifft und warum er gegen das neue Gesundheitsgesetz gestimmt hat. Denn dort ging es nicht nur um Abtreibung – es enthielt viele andere gute Punkte. Es ergibt für mich keinen Sinn, dass er sein Veto dagegen eingelegt hat.

Aktivist*innen zufolge bringen jedes Jahr rund 2.500 Jugendliche in Ecuador nach sexuellen Übergriffen ein Kind zur Welt. Wenn du nun mit einer Frau aus Lateinamerika sprechen könntest, die ihr Kind infolge einer Vergewaltigung abtreiben wollen würde, was würdest du ihr sagen?

Moreno begründet sein Veto im Onlinedienst Twitter damit, es entspreche „nicht den aktuellen Bedürfnissen der Bevölkerung“. Die Abgeordneten sollten einen neuen Gesetzesentwurf ausarbeiten. Ich würde aber sagen, dass es hier allein um die Bedürfnisse der Frau und nicht die der Gesellschaft geht. Es ist ihre Entscheidung. Wenn sie das Kind behalten will, sollte sie es tun, wenn sie es nicht will, sollte sie es nicht tun. Ich kann darüber nicht urteilen.

Das war meine letzte Frage an dich. Möchtest du eventuell noch etwas zu diesem Thema hinzufügen?

Ich bin kein Experte. Alles was ich sehe, höre und sage, ist ein kleines Stück meiner persönlichen Erfahrung und sollte auch als solche betrachtet werden. Ich denke, das ist alles.

Vielen Dank!

*Arikelbild: Die Demonstrant*innen rufen: „Wenn der Papst eine Frau wäre, wäre Abtreibung legal!“ und auf den Transparenten stehen Forderungen und Sprüche wie „Nicht nur Töten ist Gewalt…. Missbrauch nicht normalisieren!“ / Foto: Doménica Burgos


Über Daniel und Clara:
Daniel Freìe Espin

… ist 19 Jahre alt und studiert Biowissenschaften in Straßburg. Er interessiert sich sehr für den sozialen Kampf und ist auch gerne Teil davon.

Clara Brötling

… ist eine aus NRW stammende DFJW-Freiwillige, die seit Kurzem in Straßburg lebt und arbeitet. Abgesehen vom Wohnort ist auch das journalistische Schreiben Neuland für sie, doch alles was man mit einem leckeren Apfel in der Hand erkunden kann, muss ja gut sein.

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