Das Werk und sein Autor

Kommentar Magalie Jégou

Prix Goncourt 2021
Schriftsteller Mohamed Mbougar Sarr erhält den Prix Goncourt 2021. Foto: Académie Goncourt

Mohamed Mbougar Sarr gewinnt als zweiter Schwarzer Schriftsteller den renomierten französischen Literaturpreis Prix Goncourt. In den Medien werden seine Herkunft und Nationalität immer wieder thematisiert. Handelt es sich hierbei um eine journalistische Angewohnheit oder um eine militante Geste?

Das erste Mal wurde der Prix Goncourt 1892 verliehen. Seit dem ging er zwei Mal an Autoren aus Afrika. Das erste Mal vor genau hundert Jahren, 1921, an den von der Insel Martinique stammenden René Maran. Mohamed Mbougar Sarr ist der zweite Schwarze Preisträger. Nach der Bekanntgabe beherrscht besonders ein Thema die Medien: seine senegalesische Herkunft. Sein Buch und sein junges Alter sind zweitrangig. Dabei gehört der Autor des Buches „La plus secrète mémoire des hommes“*, mit seinen 31 Jahren zu den jüngsten Preisträgern des Prix Goncourt überhaupt.

Die zunehmende Anerkennung Schwarzer oder ausländischer Intellektueller wirft die Frage auf, ob die Medien heute noch die Herkunft dieser unterrepräsentierten Personen hervorheben sollten. Die Benennung ihrer Nationalität kann zu einer höheren Wertschätzung führen, gerade in der Literaturszene. Aber das ist nicht immer auch der Wunsch der Betroffenen. Viele kritisieren die Fixierung auf ihre Herkunftsländer oder ihre Hautfarbe. Sie fordern, dass allein ihre Arbeiten im Vordergrund stehen sollten.

Mohamed Mbougar Sarr ist in Dakar im Senegal und in Frankreich aufgewachsen. In Frankreich studiert er Sozialwissenschaften und widmet sich besonders den großen afrikanischen Schriftsteller:innen. Seine Abschlussarbeit schreibt er über Léopold Sédar Senghor und das Konzept der „Négritude„, einer literarisch-philosophischer Strömung von Kulturschaffen aus Afrika. Schnell gewinnt dabei seine Lust, fiktiv zu schreiben, die Überhand. Sein erster Roman „Terre ceinte“ wird 2015 mit dem Ahmadou Kourouma Preis und dem „Grand prix du roman métis“ ausgezeichnet, einem Literaturpreis von der Insel La Réunion. Es folgen von der Kritik viel gelobte Romane, die sich mit Homosexualität in der senegalesischen Gesellschaft, Kolonialismus, der Suche nach der eigenen Identität und der Frage nach der Legitimität, sich Schriftsteller zu nennen, auseinandersetzen.

Was die Verleihung prestigeträchtiger, westlicher Literaturpreise angeht, war 2021 ein entscheidendes Jahr für afrikanische Schriftsteller:innen: Abdulrazak Gurnah aus Tanzania wird mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Nach der Nigerianerin Wole Soyinka, die den Preis 1986 erhielt, ist Gurnah der zweite afrikanische Autor, mit dieser Auszeichnung. Im letzten Oktober gewinnt in Deutschland die Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga den Buchpreis der Frankfurter Buchmesse.

Misstrauische Schriftsteller

Als René Maran 1921 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wird, lassen die Anfechtungen nicht lange auf sich warten. So schreibt der Petit Parisien, eine konservative Zeitung der Nachkriegszeit, dass „seine Eigenschaft als Neger (…) die Jury der Akademie Goncourt verführt habe, weil diese seine Hautfarbe und Fremdheit lieben würde“. Kommentare wie diesen, die das N-Wort enthalten und einen rassistischen Diskurs transportieren, findet man in französischen Tageszeitungen heute nicht mehr. Es ist das Ergebnis eines langen Kampfes um Gleichheit und Anerkennung, den die Schwarze Gemeinschaft gegen den institutionellen und systematischen Rassismus in Frankreich geführt hat. Doch die Freude darüber wurde schnell von großem Misstrauen gedämpft. Das sagt Mohamed Mbougar Sarr im Interview mit dem französischen Onlinemagazin Brut. Auf der einen Seite müsse man sich darüber freuen, wenn ein afrikanischer Autor oder eine afrikanische Autorin einen westlichen Literaturpreis gewinnt. Auf der anderen Seite müsse man aber auch misstrauisch sein. Er schreibt dazu: „Im Grunde bleiben Sie Fremde, egal wie wertvoll Ihre Werke sind.“

Und trotzdem widmet Sarr seinen ausgezeichneten Roman dem ersten afrikanischen Romanautor, der jemals mit dem Renaudot Preis ausgezeichnet wurde: Yambo Ouologuem. Das war im Jahr 1968 und auch seine Auszeichnung wurde sehr kontrovers diskutiert. Ouologuem wurde vorgeworfen, zahlreich westliche Schriftsteller:innen plagiiert zu haben. Der Preis wurde ihm daraufhin aberkannt. Sarr stellt genau diese Preisverleihung an einen Schwarzen Autor aus einem Land mit kolonialer Vergangenheit ins Zentrum seines Romans.

Eine Forderung mit Empowerment-Potential

Auf der anderen Seite ermöglicht ein Medium, das die Herkunft einer Person besonders hervorhebt, einen Identitätsanspruch – und damit auch eine Form des Empowerments der schwarzen Gemeinschaft. Eine der ersten Bewegungen, die den Begriff Empowernment verwendeten, waren im übrigen in den 1970er Jahren Frauen in den USA, die Gewalterfahrungen gemacht haben. Überträgt man den Kampf dieser Frauen auf den der Schwarzen Autor:innen heute, lässt sich erkennen: Es geht im wesentlichen darum, ein soziales und kritisches Bewusstsein zu schaffen, das es den Mitgliedern der Schwarzen Gemeinschaft ermöglicht, eine „innere Macht“ zu entwickeln. Diese kann sich in einer persönlichen und einer kollektiven Handlungsfähigkeit äußern und trägt dazu bei, dass sie Teil des sozialen Wandels werden und diese Perspektive weiterentwickeln. Denn obwohl sich die Gesellschaft seit den Entkolonialisierungs-Prozessen weiterentwickelt hat, können viele bis heute keinen zeitgenössischen französischsprachigen Schriftsteller aus einem ehemals kolonialisiertem Land benennen.  

Das ist schockierend. Hat Frankreich nicht viele Spuren, auch hinsichtlich der französischen Sprache, auf der Welt hinterlassen? Und ist Afrika nicht der frankophonste Kontinent überhaupt? Wenn es um den Gebrauch der französischen Sprach geht, belegen der Kongo, Algerien und Marokko nämlich die ersten drei Plätze hinter Frankreich. Aber auch wenn die Kolonialisierung ein sensibles Thema ist – das hat auch die schwierige Haltung der Regierung gegenüber gestohlener ausgestellter Kunstwerke aus ehemaligen Kolonien eindrücklich gezeigt – muss trotzdem die durch die Frankophonie geschaffene kulturelle Vielfalt anerkannt werden. Genau mit diesem Argument wird die Kolonialisierung immer wieder zum Thema gemacht. Das sehen wir zum Beispiel auch an der Black Lives Matter-Bewegung. Die Gesellschaft wurde Zeuge, wie diese die polizeiliche Verfolgung der afroamerikanischen Gemeinschaft durch weiße Polizisten nach dem Mord an George Floyd immer wieder anzweifelte und für die verfolgte Minderheit einstand. Wird also eine Minderheit ausgezeichnet, wie es in der französischsprachigen Literaturwelt der Fall ist, muss sie unbedingt in den Medien präsentiert werden. Auch, um die kulturelle Vielfalt innerhalb der Frankophonie zu betonen.

Mehr Diversität in der frankophilen Literatur

Ohne Zweifel ist es wichtig, die afrikanischen Wurzeln der Autor:innen zu betonen. Denn das zeigt, dass sich die frankophone Literaturwelt öffnet. Es geht nicht darum, im Vorhinein davon auszugehen, dass die Jury des Prix Goncourt bei der Preisvergabe Menschen aus ehemals kolonialisierten Ländern immer nur diskriminiert hat. Es geht vielmehr darum, mit der Auszeichnung die Autor:innen zu würdigen, die sich dafür mit der französischen Sprache auseinander setzen mussten – und nicht westliche Autoren im engeren Sinne. Das ist ein starkes Signal an den frankophonen Raum: Der Prix Goncourt berücksichtigt Personen, die ihre Werke in französischer Sprache schreiben, obwohl sie nicht immer auch in westlichen, frankophonen Ländern aufgewachsen sind. Bei dieser Erkenntnis gibt es nur ein Problem: der diesjährige Goncourt-Preisträger Mohamed Mbougar Sarr bekennt sich weder zum Senegal, noch zu Frankreich. Da hilft auch nicht, dass der senegalesische Schriftstellerverband behauptet, die Auszeichnung sei „ein Stolz für unser Land und den gesamten Kontinent“. Passender trifft auf Sarrs Situation das berühmte Zitat von Albert Camus zu „Mein Vaterland ist die französische Sprache“. Es zeigt, dass die Literatur Grenzen überschreiten kann. Mohamed Mbougar Sarr steht ganz unfreiwillig stellvertretend für die schwarze Gemeinschaft. Indem er die Verbindung zu seiner Herkunft und der Geschichte der Kolonialisierung ausklammert, trägt dazu bei, dass das Thema aus der Mediendebatte verdrängt wird.

Anmerkung der Autorin:

Ich schreibe diesen Text aus der Perspektive einer Studentin, die nicht Teil der Schwarzen Community ist. Womöglich erscheint es einigen Leser:innen daher nicht legitim, dass ich über das Thema schreibe. Ich weise darauf hin, dass es sich hierbei um persönliche Gedanken geht, die eine Debatte anregen sollen. Ich bin mir bewusst, dass meine Perspektive möglicherweise Vorurteile widerspiegelt, die ich mir durch meine westliche Ausbildung und mein weißes Privileg angeeignet habe.


*Das Buch wird in der deutschen Übersetzung voraussichtlich im Herbst 2022 unter dem Titel „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ bei Hanser erscheinen.


Übersetzung Charlotte Müller

Über die Autorin
Magalie
Magalie Jégou

Magalie ist 22 Jahre alt und macht gerade ihren Master Deutsch-Französisches Recht in Freiburg. Sie beschäftigt sich gerne mit gesellschaftlichen Themen. Gerade brennt sie besonders für Meinungsfreiheit und Asylrecht. In ihrer Freizeit trifft sie gerne Menschen, hört viel unterschiedliche Musik und isst gleichzeitig immer ein bisschen Schokolade.

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