Dass die Jugend nicht vergisst

Von Antonia Aturcanitei

Nur vier Prozent der 14- bis 29-Jährigen assoziieren den 9. November 1938 mit der Reichspogromnacht. Im Unterricht wird dieses Thema das erste Mal in der Mittelstufe behandelt, danach werden junge Leute hauptsächlich durch die Sozialen Medien und Nachrichten darauf aufmerksam. Politisch engagierte Jugendliche setzen sich ein, indem sie an Aktionen und Gedenkveranstaltungen teilnehmen. Es scheint so, als ob die Reichspogromnacht bei einem Großteil der jungen Generation in Vergessenheit gerät. Dabei ist das Erinnern an Ereignisse wie diese Nacht angesichts des stets präsenten Antisemitismus wichtiger denn je. 

Platz der alten Synagoge ein paar Tage vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht. Foto: Antonia Aturcanitei

Die Reichspogromnacht ereignete sich am 9. November 1938. Unzählige jüdische Geschäfte und Synagogen in ganz Deutschland wurden zerstört und Jüd:innen ermordet, wobei das Novemberpogrom den Beginn der staatlich legitimierten Judenverfolgung der NS-Zeit darstellt.

Erinnern im Klassenzimmer

Doch wann erfährt man eigentlich das erste Mal von diesem Ereignis und wie wird in der Schule darüber gelehrt? Nicole Neumann, Geschichts- und Deutschlehrerin am Gymnasium Dorfen in der gleichnamigen bayrischen Stadt, sieht die Schule als Beauftragte für den Prozess des Erinnerns: „Um sich erinnern zu können, muss man lernen zu gedenken. Ich als Lehrerin sehe es schon als meine Aufgabe, dafür überhaupt erstmal zu sensibilisieren.“ Deswegen stellt Neumann jedes Jahr, wenn sie am 9. November ein Klassenzimmer betritt, die Frage: „Was ist heute für ein Tag?“, um mit den Schüler:innen anschließend darüber zu diskutieren. Dieses Jahr hat sie ihnen einen Film dazu gezeigt.   

Der Fall der Berliner Mauer 1989, die Ausrufung der Republik oder fälschlicherweise „Nine Eleven“, der Anschlag auf die Twin Towers in New York am 11. September 2001, werden oft von den Schüler:innen mit dem 9. November assoziiert. Als junge:r Erwachsene:r nicht zu wissen, was die Reichspogromnacht ist, bezeichnet Neumann als „Ignoranz“. Dies sei einer der Gründe, warum es ihr wichtig ist, die Schüler:innen daran zu erinnern. Außerdem habe sie eine gewisse Verantwortung gegenüber den Zeitzeug:innen. „Ich bin der Meinung, das muss man am Leben erhalten, denn ich habe Zeitzeugen kennengelernt, die mich in dem Kontext als Zweitzeugin sehen. Ich muss auch ihnen gerecht werden“, sagt die Lehrerin.

Die Reichspogromnacht wird im bayrischen Lehrplan in der 9. Klasse durchgenommen. Laut Neumann sei das Interesse für dieses Thema in dieser Jahrgangsstufe sehr hoch. Man sehe eine einen bestimmten Eifer der Schüler:innen, darüber zu reden, mehr zu erfahren und zu verstehen.

Merve Altintas, Schülerin der zwölften Klasse am Gymnasium Dorfen, hat am 9. November diesen Jahres nichts über die Reichspogromnacht in der Schule gehört – weder im Geschichtsunterricht noch in anderen Fächern. Hätte sie abends keinen Instagram-Post dazu gesehen, hätte sie es vermutlich gar nicht mitbekommen. „Ich finde es sehr wichtig, an diesen Tag zu erinnern, weil ich das persönlich nicht wusste und nirgendwo darüber gelesen habe. Ich hatte einen Funken Hoffnung, dass wir am nächsten Tag in Geschichte darüber sprechen, aber das haben wir nicht gemacht“, meint die Abiturientin.

Stolpersteinputzen in Magdeburg

In Magdeburg hat die Jugendorganisation der Grünen in Kooperation mit den Jusos (SPD) und der Linksjugend eine Stolperstein-Aktion organisiert. Etwa 25 junge Erwachsene haben sich am 9. November in Gruppen zusammengefunden und eineinhalb Stunden lang die Stolpersteine im Stadtgebiet geputzt, um an die während der Schoa verfolgten Jüd:innen zu gedenken. 

„Wir haben uns für diese Aktivität entschieden, weil wir nicht vergessen dürfen, was in der Nacht vom 9. November passiert ist. Es ist unser Auftrag, sich an diese Verbrechen und vor allem an diese Menschen zu erinnern“, sagt Fabian Koch, Mitglied der Grünen Jugend Magdeburg. Der 19-Jährige war an der Organisation der Aktion beteiligt, am Tag selbst konnte er jedoch nicht dabei sein. Nichtsdestotrotz hat er sich an diesem Tag auf seine Art an das Ereignis erinnert: „Ich habe im Blumenladen weiße Rosen gekauft, in meinem Stadtteil, wo Stolpersteine liegen, hingelegt und einen kurzen Moment innegehalten.“ 

Fabian ist jedoch der Meinung, dass man als Teil der Jugend nicht unbedingt an einer Veranstaltung teilnehmen muss. Es reiche auch, einen Moment in seinem Alltag zu finden, um an die Reichspogromnacht und dessen Bedeutung zu denken. Denn durch ihre Präsenz in den Sozialen Medien werde die junge Generation zwangsläufig an diesen Tag erinnert und setze sich folglich damit auseinander. „Ich denke, dass junge Menschen diesen Tag nicht vergessen werden.“

Sara Gruber, ebenfalls Mitglied bei der Grünen Jugend, hat die Aktion am 9. November mitorganisiert und sieht die Zusammenarbeit ihrer Partei mit linksorientierten Jugendgruppen als einen entscheidenden Baustein im Kampf gegen Rechtsextremismus. Warum ist es für sie wichtig, sich aktiv an die Reichspogromnacht zu erinnern? „Ich glaube, dass unser Schulsystem uns immer wieder daran erinnert, aber unabhängig von den historischen Fakten muss uns klarwerden, dass uns das wieder passieren kann, weil wir nicht besser sind als die Menschen damals“, meinte die junge Grüne.

Erinnern ist wichtig

Wie erinnert sich die Jugend also an die Reichspogromnacht? Eine allgemein gültige Antwort gibt es auf diese Frage nicht, denn jede:r erinnert sich auf eine andere Art und Weise. Viele Faktoren spielen eine Rolle, sei es das Alter, das politische Engagement oder die Frage, ob der 9. November bereits im Elternhaus thematisiert wurde. 

Die Jugend ist des Öfteren noch dabei, sich geschichtlich weiterzubilden, zu lernen und Fragen zu stellen. Sie wird von Lehrenden, Eltern oder Medien über dieses Ereignis informiert. Doch ist man als Jugendliche:r politisch engagiert, geht man anders mit diesem Thema um. Es geht einem um die Verantwortung, darüber nachzudenken. Dies kann in Form von Aktionen, einem interessanten Gespräch zum Thema oder einem bloßen Moment des Gedenkens für sich selbst geschehen. Das Thema der Reichspogromnacht ist jedoch auch heute noch präsent, denn Antisemitismus endete nicht mit der Schoa. Rassistische Bewegungen können nur bekämpft werden, wenn wir über solche Ereignisse sprechen und uns informieren. Das heißt, wenn wir uns erinnern.

Über die Autorin
Antonia Aturcanitei
Antonia Aturcanitei

Antonia ist 20 Jahre alt und absolviert derzeit einen deutsch-französischen Freiwilligendienst in Lyon. Wenn sie nicht gerade internationale Studierende betreut, reist sie gerne oder interessiert sich für gesellschaftliche Themen.

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