„Von Null anfangen“

Von Hugo Guenser

„Migrationswelle nach Europa“. Seit gut zehn Jahren wird dieser Begriff in den Medien verbreitet. Die Menschen, die damit eigentlich gemeint sind, verschwinden hinter dem Begriff. Sie werden zu einer abstrakten Zahl, ihre Gesichter verschwimmen. Aber all diese Menschen haben Gesichter und Geschichten zu erzählen. Ardawan Abdi ist einer von ihnen. Das Porträt eines engagierten jungen Mannes mit einer bewegten Vergangenheit und einer vielversprechenden Zukunft.

„Ich fühle mich hier angekommen“, sagt Ardawan Abdi, 21 Jahre. Er kam 2015 nach Deutschland, heute hat er seinen Platz in Freiburg gefunden. Er engagiert sich politisch, setzt sich gegen Diskriminierung ein. Seit dem 13. Dezember 2020 sitzt Ardawan im Migrant:innenbeirat der Stadt Freiburg, genauer gesagt im Migrant:innenkomitee. Nicht in jeder Stadt in Deutschland werden die Interessen von Migrant:innen durch eine Institution wie der in Freiburg vertreten. Ein Grund für Ardawan sich dort zu engagieren. Damit, dass er früher mal Klassensprecher war, habe das aber nichts zu tun, sagt er lachend. Er wolle einfach nur den Menschen helfen, die es brauchen und die Welt damit ein kleines Stückchen besser machen. „Und hier im Migrant:innenbeirat können wir wirklich Sachen verändern“, davon ist Ardawan Abdi überzeugt. Dabei geht es ihm nicht um Aktivismus, sondern um Zeit. Zeit, die er investiert, um anderen zu helfen. Als Vorstandsmitglied trägt er viel Verantwortung.

Ardawan Abdi vom Migrant:innenbeirat Freiburg. Foto: privat

Wirken für andere Menschen

Im Irak nehmen die Politiker:innen so gut wie keinen Einfluss auf das Leben ihrer Mitbürger:innen. Aber nicht, weil sie dazu keine Möglichkeit hätten, sondern weil es für sie keinen Anreiz gibt, sich in das öffentliche Leben einzubringen. Für Ardawan sind sie deshalb Statisten in einer ihnen völlig fremden Welt. Zwischen ihrer Politik und Ardawans Verständnis von Engagement liegen Welten. Er will handeln: gegen Hass und Rassismus ankämpfen, sich für die Anerkennung von Minderheiten und die Rechte von Asylsuchenden einsetzen. Ein weiterer Grund für sein Engagement ist seine eigene Geschichte.

Ardawan stammt aus Shingal, einer kleinen Stadt im Irak 120 Kilometer westlich von Mossul. Wenn er von seiner Heimat spricht, lächelt er: „Es gibt dort viele Berge, alles ist grün. Es ist wunderschön.“ Bis 2014 lebt er dort mit seiner Familie, er hat eine friedliche Kindheit. Doch am dritten August nimmt der Islamische Staat (IS) Ardawans Heimat ein und zerstört sie beinahe komplett. Shingal ist die Hauptstand der Jesiden, einer religiösen Minderheit, die der IS auslöschen will. Das Massaker in der nordirakischen Region Sindschar und der Hauptstadt Shingal markiert den Beginn des Völkermordes an den Jesiden durch den IS. Ein Völkermord, der erst im Mai 2021 von den Vereinten Nationen anerkannt wird. „In Deutschland wurde der Völkermord immer noch nicht anerkannt“, sagt Ardawan. Er ist Yezide und wurde sieben Monate lang vom IS festgehalten, bevor er nach Deutschland kam. „Ich habe Blut und viele Tote gesehen“, Ardawans Stimme wird brüchig.

Das Land Baden-Württemberg organisiert eine Aufnahmeaktion für die im Irak von IS verfolgten Personen, es übernimmt den Flug von Erbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Irak, nach Deutschland, stellt finanzielle Mittel zur Verfügung und kümmert sich um die psychologische Erstbetreuung in Deutschland. Am 15. September 2015 landet auch Ardawan am Flughafen Stuttgart. Da ist seine Familie bereits in Deutschland. Sie ist mit dem Auto gekommen, über die Türkei und Griechenland. Keiner von ihnen spricht ein Wort Deutsch. „Ich musste ganz von vorne anfangen“, erinnert sich Ardawan. Aber er lernt schnell. Nach sieben Monaten legt er seine erste Sprachprüfung ab. Heute spricht er perfekt Deutsch, sogar ein Buch will er bald über seine eigene Geschichte schreiben. „Das ist wichtig, weil die Leute wissen müssen, was im Nordirak passiert ist.“ Ardawan geht es aber auch um die Anerkennung der Geschehnisse. Und deswegen schreibt er, spricht über das Geschehen und engagiert sich politisch.

„Meine Heimat ist jetzt Freiburg“

In Freiburg hat sich Ardawan mit seinen Eltern, seinen vier Brüdern und Schwestern ein neues Leben aufgebaut. Aber auch, wenn er jetzt hier politisch aktiv werden will – in Gedanken ist er oft im Irak. Denn dort, sei die Freiheit der Menschen immer noch stark eingeschränkt: „Wenn man Angst hat, ist man nicht frei.“ Für ihn ist klar: die eigene Freiheit kann man nicht wertschätzen, nicht wenn man sich ihrer immer sicher ist. Ardawan weiß, wovon er spricht. Als er nach Deutschland kommt, taucht er in eine völlig neue Welt ein – eine Welt voll individueller Freiheiten. Das Glück, das er hatte, will er nicht vergessen, sondern weitergeben. Auch deswegen ist er nicht nur Vorstandsmitglied im Migrant:innenbeirat, sondern auch in der Kommission für Chancengleichheit, der Teilhabe- und Chancengleichheitskommission.

Auch sonst ist Ardawan immer viel beschäftigt. Er ist im dritten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsdienstleistungen, und dolmetscht arabisch für die Stadt Freiburg. Und was ist mit Freizeit? Da lacht Ardawan und wirkt etwas verlegen: „Ich fahre gerne Fahrrad, aber wirklich viel Zeit für mich habe ich nicht. Aber das ist nicht weiter schlimm. Die Chance, hier in Deutschland so viel bewegen zu können, ist mein Ansporn, mich für andere einzusetzen, die nicht so viel Glück wie ich im Leben hatten.“

Übersetzung Charlotte Müller

Über den Autor
Hugo Guenser
Hugo Guenser

Hugo hat Literatur und Linguistik in Bonn studiert. Gerade macht er ein Gap-Year und nutzt die freie Zeit, um an verschiedenen Projekten mitzuarbeiten – zum Beispiel am Blogprojekt „Stimmen gegen Rassismus und Populismus“.

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