Fetisch Hijab?

Interview Talia Adis

Wir richten den Blick auf Konsument:innen! Warum schauen Menschen Hijab-Pornos und wie kann das problematisch sein? Was hat der Kolonialismus damit zu tun? Claude C. Kempen zu antimuslimischem Rassismus in der Pornografie.

Talia Adis: Das Hijab bleibt in den meisten Porno-Filmen an. Weshalb werden besonders muslimische Frauen von der weißen cis-hetero-männlichen Gesellschaft rassistisch sexualisiert?

Claude C. Kempen: Wenn wir davon ausgehen, dass diese Filme von weißen-cis-hetero Männern gedreht werden und die Frauen darin nicht Musliminnen sind, dann reihen sich diese Filme in eine jahrhundertealte Tradition ein, muslimische, verschleierte Frauen zu fetischisieren. Es ist der weiße, kolonial geprägte Mann, der seine Dominanz durch den entschleiernden Blick einsetzt. Der Blick ist ein Tool für koloniale Machtpolitik. Es gibt, für den weißen Mann, eine Art Recht auf den Blick unter den Hijab. Um das besser zu verstehen, kann man sich den weißen Mann im Panopticon vorstellen: In einem Turm, von dem aus er alle anderen betrachten kann, aber selbst nicht gesehen wird. Er ist diese Beobachter-Perspektive gewohnt, diese Kontrolle. Indem eine Frau sich selbst dazu entscheidet, sich zu verschleiern, entzieht sie sich kurzweilig diesem Blick. Gleichzeitig bezieht sich die Faszination des männlichen Blickes auch auf die Vorstellung, dass diese Frauen „mysteriös“ sind. Und dann wird diese Faszination und diese Frustration, jemanden nicht sehen zu können und damit nicht kontrollieren zu können, vielleicht über das Genre „Pornografie“ ausgelebt. So kann die muslimische Frau endlich entschleiert werden, obwohl sie das Kopftuch aufbehalten muss, damit sie als Muslimin markiert bleibt. Das heißt, das Spannungsverhältnis zwischen Nacktheit und Verschleierung bleibt immer aufrechterhalten und damit auch die rassifizierte, religiöse Spannung. Wenn solche historisch rassistisch aufgeladenen Filme auf Konsument:innen treffen, die ihre Fetischisierung muslimischer Frauen hierüber ausleben – dannn ist das das Worst-Case-Szenario. Für diese Personen bestätigen sich rassistische Strömungen aus der Gesellschaft in diesen Pornos.

Was kann es bedeuten, wenn in Pornos Frauen zu sehen sind, die ein Hijab tragen? Wann kann es problematisch werden?

Wir wissen nicht mit letzter Gewissheit, ob die Darstellerinnen „muslimfacing“ betreiben, das heißt, ob sie außerhalb des Pornos Hijab tragen und muslimisch sind oder nicht. Das macht einen Unterschied in der „Lesart“ der Pornografie, ob es sich um Selbst- oder Fremdbestimmung handelt. Gehen wir von einer Fremdzuschreibung aus, also einer weißen cis-hetero-männlichen Position vor und hinter der Kamera, die ein aufgeladenes Bild von Musliminnen verbreitet, indem sie diese als dem Mann zugehörig, sprachunfähig und finanziell unterlegen darstellt. Das ist das problematisch. Diese Art Film ist darauf angewiesen rassistische Bilder zu wiederholen, um sie aufrecht zu erhalten. Das ist mit Vorsicht und Bewusstsein über die im Film verkörperten Stereotype zu konsumieren.

Dass es auch anders sein kann, dass tatsächlich Musliminnen in den Filmen zu sehen sind, ist eine Erkenntnis, die ich jetzt ergänzen würde. Ich denke es ist sehr interessant, dass wir erstmal davon ausgehen, dass diese Frauen privat nicht Musliminnen sind, weil es uns natürlich auch aufzeigt, wie wir Musliminnen im Alltag sehen: eben nicht als selbstbestimmte sexuelle Wesen mit Lust, die in Pornos zu sehen sind.

Gibt es internationale Unterschiede und Gemeinsamkeiten in diesen Pornos?

Auf jeden Fall. Die meisten Filme auf Pornhub und auf weiteren Seiten, die ich untersucht habe, waren US-amerikanischer Herkunft, würde ich sagen. Diese haben sich dann sehr oft mit dem Irak-Krieg beschäftigt, als würden sie dort stattfinden. Es werden dann Soldaten gezeigt, die Sexarbeiterinnen von der Straße auflesen, die muslimisch sind. Dieses Szenario gab es sehr viel. In Frankreich gibt es auf Porno-Plattformen die Kategorie „beurette“, zu Deutsch „die Araberin“, eine degradierende Bezeichnung spezifisch für Frauen nordafrikanischer Herkunft. Die „beurette“ ist im Endeffekt die Personifizierung der ganzen Stereotypen der muslimischen Frau aus Nordafrika. Sie ist die „orientalische“ Frau von nebenan. In den Filmen wird die „beurette“ oft als aus der französischen Vorstadt, dem „banlieue“ stammend, mittellos und als „Schlampe“ dargestellt, die durch Sex zu bestrafen sei.

Oft geht es länderunspezifisch, um eine Verlagerung vom imaginierten Orient zum Westen. Das äußert sich in Problemen mit dem Visum oder Geld, die eine Frau dann durch sexuelle Handlungen lösen kann. Ein weiterer populärer Handlungsablauf, ist das eine muslimische Frau mit einer nichtmuslimischen Frau schläft und davon erzählt, wie ihr homophober Vater oder Bruder das nicht gut fänden. Das soll verallgemeinernd darauf hinweisen, wie der Islam und muslimische Männer inhärent homophob sind. Hier wird die LGBT+ Community für nationalisitsche Zwecke instrumentalisiert, das nennt man Homonationalismus.

Kann der eigene Pornokonsum auf internalisierte Rassismen hinweisen? Wenn Personen zum Beispiel überwiegend „interracial“ oder „big black cock“ schauen, zwei beliebte Gesuche auf Pornoseiten?

Ich würde sagen, dass es ein Grund zum Nachdenken ist. Wir sind in einer sehr weißen, rassistischen Gesellschaft aufgewachsen, in denen Stereotypen von Schwarzen Männern weit verbreitet sind. Kategorien wie „big black cock“ gehören zum Spektrum rassistischer Verallgemeinerungen, unter denen Schwarze Männer auch leiden. Insgesamt würde ich sagen, dass der eigene Pornokonsum als Anlauf genommen werden kann, um zu überlegen: Was sagt mein Konsum von Pornografie über die Gesellschaft, in der ich lebe und über mich aus?

Ich kann mir diese Pornos aber angucken und genießen, solange ich mir Übertragungsfragen stelle: Sind schwarze Männer für mich auch mehr als die Personifizierung eines schwarzen, großen Penis? Im virtuellen Umgang bedeutet das: Ich kann auf Fetisch-Porno-Seiten gehen, wenn mich „interracial porn“ anspricht. Wenn ich das aber in meinem Sexualleben suchen will, muss ich damit wirklich respektvoll umgehen. Ich kann jemanden nicht im Dunkeln darüber lassen, was ich für Fantasien an ihnen auslebe. Ansonsten sollte ich Leute daten, weil ich sie gern hab und nicht aufgrund einer Hautfarbe oder ähnliches.


Interviewpartner:in
Claude Kempen
Claude C. Kempen

Claude Kempen ist Autor*in und Wissenschaftler*in aus Berlin und hat zu antimuslimischem Rassismus in pornografischen Filmen geforscht. Dey hat im Bachelor Islamwissenschaft an der Freien Universität zu Berlin und im Master Gender Studies an der SOAS Universität in London studiert. Claude spricht deutsch, französisch, englisch und arabisch. Zuletzt erschien ein Text von Claude beim Oxford Queer Studies Network und ein Kapitel im Sammelband „Claiming and Making Muslim Worlds“ beim DeGruyter Verlag. 


Über die Autorin
Talia Adis
Talia Adis

Talia ist 23 Jahre alt, lebt in Freiburg und studiert Soziale Arbeit in den Endzügen. Sie liest gerne und beschäftigt sich mit intersektionalem Feminismus, Gender und Queerness, Antirassismus und vielem mehr, wenn die Zeit es erlaubt.

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