„Wer seine Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie wieder zu erleben…“

Wenn du dich von mir unterscheidest, mein Bruder, fern davon, mir zu schaden, bist du mir eine Bereicherung.“- Antoine de Saint-Exupéry

Nachdem sie vor sieben Jahren einen Brief von ihrem Urgroßvater erhalten hat, besucht unsere Autorin Lola in diesem Jahr das Lager Auschwitz-Birkenau. Ihr Urgroßvater wurde von den Nationalsozialisten deportiert und hat das Grauen der Todesmärsche und das Leben im Konzentrationslage am eignen Leib erfahren müssen.

14. September 2020: Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

Es ist ein heißer Tag im August als ich durch das Tor schreite über dem in großen Buchstaben „Arbeit macht frei“ geschrieben steht.  Ich besuche das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, einen Ort des Grauens, an dem mehr als eine Million Menschen ihr Leben verloren haben. Es mag vielleicht ein heißer Tag sein, aber mir läuft es kalt den Rücken herunter. Ich halte den Brief meines Urgroßvaters in den Händen, der vor 78 Jahren mit seiner gesamten Familie in die Todeslager deportiert wurde.

Was er mir schreibt, ist mehr als eine Erzählung über eine Zeit des Grauens, es ist ein Aufruf, niemals zu vergessen, dass „viele Leben unter dem Himmel Nazideutschlands zerstört oder im Angesicht von Leid und Not beendet worden sind“. Der Brief von meinem Urgroßvater stammt aus dem Jahr 2012.  Als ich den Brief bekomme, bin ich gerade einmal 13 Jahre alt. Wir sind mit meinen Urgroßeltern und meiner Großmutter in einer Buchhandlung. Zwischen den Büchern liegt das Buch „Je vous écris du Vél d’Hiv : Les lettres retrouvées “ von Karen Taibs. Mein Urgroßvater schenkt es mir. Ich lese es und ein paar Monate später erzählt er mir in einem zehnseitigen Brief seine Geschichte.

Insgesamt wurden fast 80.000 Juden und Jüdinnen in Frankreich Opfer der Shoah. Nur etwa 2 500 Juden und Jüdinnen kamen aus den Lagern zurück. Diejenigen, die zurückkehrten, waren ihr Leben lang vom Schrecken der Lager geprägt. Es ist kompliziert zu verstehen, es ist schwer, es wirklich zu glauben. Zu glauben, dass so viele Menschen an einem Ort, an dem sich jetzt Tourist*innen aus aller Welt tummeln –  2,152 Millionen Besucher*innen allein im Jahr 2018 – ihr Leben gelassen haben. Männer, Frauen und Kinder jeden Alters und jeder Herkunft haben die unmenschlichen Qualen der Todesmärsche, der grausamen medizinischen Experimente, di Folter und Misshandlungen über sich ergehen lassen müssen.

Im „Buch der Namen“: Baum, Adolphe – der Name meines Urgroßvaters. / Foto: Lola Beauchêne

Der Name meines Urgroßvaters – einer von 86.000 im „Buch der Namen“

Die Museumsführerin erzählt uns, dass sich die Deportierten zu viert oder zu fünft ein Bett teilen mussten – ohne Matratze oder  Decken. Wenn jemand krank wurde, konnte er oder sie nur hoffen, nicht im Bett erdrückt zu werden. Die Notdurft wurde in einem großen Gemeinschaftsraum mit einer Art Betonbank verrichtet, die sich viele Menschen teilen mussten. Einen Zugang zu Hygiene- und Sanitäreinrichtungen gab es so gut wie nicht. Wenn die in den Todeslagern gefangen gehaltenen Menschen nicht vergast wurden, zwang man sie, mehr als elf Stunden am Tag unter erbärmlichen Bedingungen, bei jedem Wetter und ohne zureichende Nahrungsversorgung zu arbeiten.

Die Besichtigung führt uns auch in einen Raum, in dem ein riesiges Buch, das „Buch der Namen“ liegt. In diesem Buch stehen die Namen, das Alter, die Nationalitäten und die Geburts- und Todesdaten aller Menschen, die nach Auschwitz deportiert wurden: Fast 86.000 Namen, die schwarz auf weiß auf dem vergilbten Papier stehen. Ich blättere durch die Seiten dieses dicken Buches und stoße plötzlich auf den Namen meines Urgroßvaters: Baum, Adolphe, 11.12.1925, Paris, Frankreich. Dann finde ich auch die Namen seiner gesamten Familie: Marguerite Baum, seine kleine Schwester und Abraham Baum, mein Ururgroßvater.

« Für meine Enkeltochter: diese Geschichte ist die meine und die unserer Familie… »

September 1940: Der Norden Frankreichs ist von den Nazis besetzt und der Süden unterliegt der Leitung der Vichy-Regierung. Das nationalsozialistische und antisemitische Terrorregime wollte die jüdische Bevölkerung, aber auch Homosexuelle, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung und alle anderen, die nicht dem „arischen“ Ideal entsprachen, ausrotten. Die Juden und Jüdinnen Frankreichs wurden ausgegrenzt, verloren nicht nur ihren Beruf, sondern auch ihre Staatsbürgerschaft und am Ende ihren ganzen Besitz. Es wurde ihnen verboten, ihre Häuser zwischen 20 Uhr und sechs Uhr morgens zu verlassen, in der U-Bahn durften sie nur den letzten Wagen benutzen und der Besuch öffentlicher Orte wie Schwimmbäder, Bars und Kinos war ihnen gänzlich untersagt. Schließlich zwang man sie den gelben Stern zu tragen, der sie als Juden und Jüdinnen öffentlich kenntlich machen sollte. Ab dem Sommer 1942 führten die französische Polizei und die Nazi-Besatzungsmacht Razzien durch. Die dabei verhafteten Menschen wurden deportiert und anschließend in Todeslager gebracht, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten oder vergast wurden.

Am 16. Juli 1942 wurde auch mein Urgroßvater und seine gesamte Familie verhaftet und ins Wintervelodrom gebracht. Ihr Verbrechen: Sie waren Juden.

An diesem Tag verhaftete die Polizei der Vichy-Regierung meinen Vater, meine Mutter, Marguerite meine Schwester und mich, weil wir als Juden geboren worden waren. Schließlich wurden wir zusammen mit dem Rest unserer Familie, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins sowie 13 000 Pariser*innen, ins  Wintervelodrom gebracht. Von dort aus mussten wir den Weg nach Auschwitz antreten, der für die meisten in den Gaskammern endete.“

Foto: pixabay.com

Das Grauen der Konzentrationslager

Mein Urgroßvater war einer von diesen 13.000 Menschen (Männer, Frauen, Kinder, Alte, Jugendliche, Säuglinge, Schwangere und Kranke), die mehrere Tage ohne Wasser, Nahrung und sanitäre Anlagen in die Lager transportiert wurden. Familien wurden auseinandergerissen – zuerst die Männer, dann die Frauen und schließlich die Kinder. Getrennte Familien, die keine andere Wahl hatten, als zu folgen, und die keine Ahnung hatten, dass ein solches Grauen Wirklichkeit werden könnte. Was folgte, waren Gräueltaten: „Morgens und abends, endlose Versammlungen auf dem Appellplatz, bei Kälte, Regen und Schnee, gequält von ständigem Hunger. Im Frühlings 1943, wenn ich mich recht erinnere […] wurden wir tätowiert und ich erhielt die Nummer 176 603 auf den linken Unterarm. Die Öfen begannen zu rauchen[…] tagtäglich, bei der Rückkehr von der ermüdenden Arbeit am Tag, hungrig, von den KZ-Aufsehern zu „gymnastischen“ Übungen verurteilt: Machiavellistische Verfahren, um die Schwächeren und Älteren zu eliminieren.

Für’s Leben gezeichnet

Trotz Tage ohne ausreichend Nahrung und Schlaf, haben es einige geschafft zu überleben. Mein Urgroßvater wurde am 30. April 1945, nach 34 Monaten des Leidens und des Schreckens, als einziger Überlebender seiner Familie nach Paris zurückgebracht. Er war damals 16 Jahre alt. Mit 16 ist man noch unschuldig. Ich kann mir nicht vorstellen so etwas zu erleben, vor allem nicht mit 16: Niemand hat es verdient ein solches Schicksal zu erleiden. „Ich wuchs im Schatten einer Leere auf, die von meiner ganzen Familie, die ich nicht kennenlernen durfte. Die Gewissheit, dass man in einem Konzentrationslager gelebte hat – man atmet sie, man isst mit ihr, man legt sich mit ihr nieder, man träumt von ihr. Und für mich ist es immer sehr schmerzhaft, über diese Epoche zu sprechen. Um auf deine Fragen zu antworten: Versuche nicht es zu verstehen, es gibt nichts zu verstehen. Es gibt kein warum. Das, was passiert ist, sprengt unsere Vorstellungskraft, es ist pure Barbarei. Diejenigen, die Teil dieses furchtbaren Regimes waren, diese Monster, Männer wie Frauen, die es ausgeführt haben, sind uns in unserem Aussehen ähnlich. Es gibt nichts zu verstehen, aber man muss wissen, was passiert ist, wenn auch nur aus Mitgefühl.“

Was die Nazis getan haben, ist unvorstellbar

„Mehr als zwei Jahre habe ich dort überlebt, dank meines Lebenswillens und dem Glück, das ich hatte.“ Die Hoffnung auf ein Ende des Leids und der Überlebenswille meines Urgroßvaters sind bemerkenswert. Als ich durch das Lager gehe, schäme ich mich. Manchmal beschwert man sich über sein Leben, man ärgert sich über eine Kleinigkeit, während hier viele Menschen durch die Hölle gehen mussten.  Als ich mich im Lager umschaue, denke ich: „Wir sind hier alle unterschiedlich, aber das macht die Welt aus.“ Und ohne die eine oder die andere Person wäre das Leben ganz anders, denn jede*r ist wichtig. Wie ist es möglich, dass Menschen ein solches Massaker anrichten konnten? Ich betrete das Todeslager und mir ist plötzlich eiskalt. Wir kennen vielleicht nicht das ganze Ausmaß des Grauens, was dort geschehen ist, aber den Teil den wir kennen, der ist schon Mahnmal genug. Das ist der Grund, warum jede*r von uns die Pflicht hat, sich zu erinnern.

Die Häftlinge von Auschwitz – ihre Namen dürfen nie vergessen werden. / Foto: Lola Beauchêne

Ist die Vergangenheit heute noch aktuell ?

Ich würde meinem Urgroßvater gerne sagen, dass ich seine Geschichte teilen und gegen Hass, Rassismus und Intoleranz kämpfen werde. Wir denken heute vielleicht, dass diese Zeiten der Vergangenheit angehören und doch gibt es immer noch Hass und Rassismus. Man muss nur an den Aufstieg der extremen Rechten denken, deren wesentliches Ziel darin liegt, das eigene Land und die eigene Religion über alles andere zu stellen und Stimmung gegen Vielfalt zu machen. Begünstigt wird ihr politischer Aufstieg von Wirtschaftskrisen und Krisen, die Angst schüren. Aber eine solche Ideologie rechtfertigt noch keinen Hass.

Auch heute liest man in den Nachrichten noch von „Konzentrationslagern“. Im Jahr 2017 wurde in Tschetschenien beispielsweise ein Lager entdeckt, in dem Homosexuelle interniert wurden. In China werden seit 2010 Uiguren in Lager deportiert, in denen laut zahlreicher Zeugenaussagen ähnliche Grausamkeiten an den Inhaftierten verübt werden wie unter dem Nazi-Regime.

Unsere Pflicht, uns zu erinnern – und niemals zu vergessen

Das sind nur einige Aktualitäten, die davon zeugen, dass Ablehnung, Rassismus, Hass und Angst immer noch existieren. Wenn ich das sehe, sage mir, so lernen wir nichts. Es schmerzt zu wissen, dass das, was in der Vergangenheit geschehen ist, auch heute noch passiert. „Wie nah der Weg von der Verachtung zur Ausgrenzung, von der Ausgrenzung zum Hass und vom Hass zum Verbrechen doch ist. Dies ist eine Geschichte, die erzählt wie Intoleranz und Hass die Politik eines Staates vergiften können“.

Mit seinen Worten behält mein Urgroßvater recht. Ich sehe es heute als meine Aufgabe seine Geschichte hier auf dem Blog zum Thema „Stimmen gegen Rassismus und Populismus“ zu teilen. Es ist wichtig, daran zu erinnern, was damals passiert ist und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, sodass sich die Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes nicht wiederholen. Wie Primo Levi einmal schrieb: „Wer seine Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie wieder zu erleben.“
Mit diesen Worten möchte ich mich an Sie, liebe Leser*innen, wenden. Ich bitte Sie, das Vergangene nicht zu vergessen, es weiterzugeben und zu teilen. Diese Geschichte, ist keine, die man mit „Es war einmal…“ beginnen würde, aber eine, die unsere Geschichte beeinflusst hat und es immer noch tut. Deshalb wünschen wir uns, dass sie wenigstens mit der Formulierung „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ enden mag.

*Artikelbild: Der Eingang zum Lager Auschwitz-Birkenau / Foto: pixabay.com


Über die Autorin:
Lola Beauchêne

Lola Beauchêne ist 21 Jahre alt und studiert International Business Management in Colmar, Lörrach und Basel. Mit ihrem Text will sie gegen das Vergessen kämpfen.

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