Von Clémence Ribot
Der letzte Akkord der Oper „Tristan und Isolde“ schallt durch den Saal. Manche Besucher:innen sind entzückt und applaudieren, andere sind verblüfft. Sie wissen nicht, ob sie den Werken von Wagner mit Beifall begegnen können. Obwohl der deutsche Komponist und sehr erfolgreich war, bleibt er bis heute kontrovers. Denn neben seiner Musik hat seine antisemitische Schrift ebenfalls einen großen – jedoch negativen – Eindruck hinterlassen. Deshalb stellt sich die Frage, ob wir Wagners Werke heute hören und spielen können.
Richard Wagner (1813–1883) gehört zu den weltberühmtesten Komponisten des 19. Jahrhunderts. Seine Musik war von emotionaler Tiefe und Leidenschaft geprägt. Auf diese Weise beeinflussten seine Werke die spätere Musik erheblich, besonders die von Bruckner, Mahler, und Strauß.

Doch neben seinen Kompositionen veröffentlichte er ein Buch über »Das Judentum in der Musik«. Darin schreibt Wagner, dass Juden »unfähig« seien, sich künstlerisch auszudrücken, weder durch ihre äußere Erscheinung noch durch ihre Sprache und am allerwenigsten durch ihren Gesang. Doch muss man das Werk von seinem Autor trennen? Kann man Wagners Musik weiterhin hören?
Der Historiker Jean Nattiez ist sich sicher, dass sich nicht nur in Wagners Schriften, sondern auch in seiner Musik eine antisemitsiche Denkweise bemerkbar macht. So singt in seinem Werk »Der Meistersinger von Nürnberg« zum Beispiel der Protagonist Merker hohe Tönen und setzt sich somit der Gefahr aus, schrill zu klingen oder gar zu versagen – was Wagner laut Nattiez mit dem Gurgeln und Winseln der Juden in Verbindung bringen würde. Der Historiker leitet daraus ab, dass das Werk auf die Vertreibung der Juden aus Spanien anspielt, die 1492 von der spanischen Inquisition angeordnet wurde.
Auch in anderen den Figuren und in der Geschichte der Opern von Wagner soll Antisemitismus erkennbar sein. Der israelische Historiker Saul Friedländer erklärt, dass die Figur der Mime in der Oper »Siegfried« als »Personifikation des Juden schlechthin« erschienen ist. Zusammengefasst geht die Geschichte so: Mime strebt nach Gold und wird schließlich aufgrund seiner finsteren Pläne von Siegfried ermordet. Auch in Wagners Werk »Parsifal« sehen Expertinnen in Kundry eine jüdische Figur, die erst im Tod Erlösung finden konnte.
Der israelischen Dirigenten Daniel Barenboim ist jedoch anderer Meinung. In einem Interview betont er entschieden, dass man zwischen der Person und ihrem Werk unterscheiden muss: »Wagner, the person, is absolutely appalling, despicable, and, in a way, very difficult to put together with the music he wrote, which so often has exactly the opposite kind of feelings.« (Die Person Wagner ist absolut abscheulich, verachtenswert und in gewisser Weise nur schwer mit der Musik in Einklang zu bringen, die er geschrieben hat und die so oft genau das Gegenteil von dem ausdrückt, was er fühlte.) Er sagt auch, die Nazis hätten Wagners Ideen und Gedanken benutzt und missbraucht, indem sie diese überspitzter dargestellt haben, als Wagner es eigentlich im Sinn hatte. Laut Barenboim gäbe es sowohl in Wagners Opern keine einzige jüdische Figur wie auch keine antisemitische Bemerkung. Dass man Mime und Kundry auf eine bestimmte antisemitische Weise interpretieren könne, sei keine Frage über Wagner, sondern über unsere Vorstellungskraft und wie sich diese entwickelt, wenn wir mit seinen Werken in Berührung kommen.
Zum Schluss bleibt Wagner gespielt. Er wird jedes Jahr im Rahmen des Festspielhauses in Bayreuth aufgeführt, das ausschließlich der Aufführung von Wagners Werken vorbehalten ist. Daher ist es für die meisten Künstler undenkbar, sein Werk zu boykottieren. Auch der Wagner-kritische Kulturwissenschaftler Jens Fischer sieht das so: »Man soll die Musik weiter spielen, aber man soll sich dieser Dinge bewusst sein. Und ich beschäftigte mich weiter mit ihm, aber vielleicht doch mit einem Haken, der einem nicht mehr aus dem Fleisch geht.«
Über die Autorin:

Als Studentin im deutsch-französischen Masterstudiengang Management ist Clémence immer bereit für Herausforderungen wie die, einen Artikel nach den Regeln der journalistischen Kunst zu schreiben. Ihre Leidenschaft gilt der Musik und der Analyse der Werke der größten Komponisten.