»Blaulicht, Blaulicht ich renn‘ wie der Wind«

Von Ana Lena Arencibia Lemme 

Lorenz A. und Knut Imhof trennen zwei Jahre und 436 Kilometer. Lorenz lebte in Oldenburg, spielte Basketball, hatte einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Knut kommt aus Berlin, studiert Lehramt und macht Musik unter dem Künstlernamen »Kwaku.se«. Beide sind in afrodeutschen Lebensrealitäten aufgewachsen. Beide erleben seit ihrer Kindheit strukturellen Rassismus. Der entscheidende Unterschied: Einer der beiden ist tot. 

Der 21-jährige Lorenz A. wurde am 20. April 2025 von einem Polizisten erschossen. Er floh vor einer Polizeikontrolle nach einer Auseinandersetzung vor einer Diskothek. Laut Obduktionsbericht trafen ihn mindestens drei Schüsse – von hinten. 

Für den 24-jährigen Knut war die Nachricht ein Schock, der sich jedoch seltsam vertraut anfühlte. »Es hat sich irgendwie so angefühlt, als ob das ständig passieren würde«, sagt er. »Und ich hatte direkt im Kopf, dass es bald wieder vom Tisch sein wird.«

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat den Beamten inzwischen wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Die Anklage sorgt für Kritik, denn sie besagt, dass die Tötung nicht wissentlich und willentlich geschah. Die Initiative »Gerechtigkeit für Lorenz« schreibt auf Instagram: »Diese Entscheidung ist kein Zeichen von Gerechtigkeit. Sie zeigt erneut, wie mangelnde Verantwortungsübernahme in Fällen tödlicher und rassistischer Polizeigewalt strukturell verankert ist.«

Rassistische Polizeigewalt wird in Deutschland nicht statistisch erfasst. Der ehemalige Innenminister Horst Seehofer (CSU) sagte 2020 eine geplante Studie zu rassistischer Diskriminierung durch die Polizei ab. Das begründete er damit, dass Racial Profiling verboten sei und deshalb in der Praxis nicht existiere. Für Betroffene sind solche politischen Entscheidungen wenig überraschend. Sie prägen ihren Alltag. Knut musste sich bereits mehrfach polizeilicher Kontrollen unterziehen, obwohl es dafür keinen konkreten Anlass gab. Er ist sich sicher: Äußere Merkmale wie seine Hautfarbe sind der Grund dafür. Laut Grundgesetz ist das illegal. Und die zentrale Aufgabe der Polizei ist es eigentlich, dieses Grundgesetz zu schützen.

Als Kind verband Knut mit der Polizei das klassische Bild »Freund und Helfer«. Heute lösen die Ordnungshüter in dem 24-jährigen kein Gefühl von Sicherheit mehr aus – im Gegenteil: »Wenn ich Blaulicht höre oder merke, dass ein Polizeiauto neben mir langsamer fährt, suche ich automatisch nach Fluchtwegen, um Stress zu vermeiden, obwohl ich überhaupt nichts gemacht habe.«

Laut der Studie »Gewalt im Amt« aus dem Jahr 2023 erfahren am häufigsten junge Männer polizeiliche Gewalt. Insbesondere, wenn sie marginalisierten Gruppen angehören.

Der Fall Lorenz A. und Knuts Erfahrungen lassen die Forderung nach tiefgreifenden Reformen in den Polizeistrukturen dringlich erscheinen. Das Buch »Die Polizei in der offenen Gesellschaft« fasst ein Forschungsprojekt zusammen, das seit 2019 untersucht, wie die Polizei in Deutschland mit gesellschaftlicher Vielfalt umgeht. Die Grundannahme: Diskriminierung kann nur abgebaut werden, wenn sich die Polizeikultur mit der Realität einer diversen Gesellschaft weiterentwickelt. Dazu gehören verbindliche rassismuskritische Fortbildungen oder mehr Menschen mit Migrationshintergrund bei der Polizei. Die hohe Standardisierung des polizeilichen Auswahlverfahrens fördert zwar die formale Gleichbehandlung, vermag Diskriminierungsrisiken jedoch nicht vollständig auszuschließen. Empirische Untersuchungen zur Personalrekrutierung zeigen, dass bestimmte Zugangshürden migrantische Bewerber*innen überproportional benachteiligen: So führt insbesondere der kognitive Leistungstest am PC deutlich häufiger zum Ausschluss von Kandidat’innen mit Migrationshintergrund als das persönliche Auswahlgespräch oder andere Testelemente. Viele der in dem Band aufgelisteten Forderungen reihen sich in die Empfehlungen bereits bestehender Studien ein. Ein prominentes Beispiel ist die Einrichtung unabhängiger Beschwerdestellen, die bei Verdacht auf Fehlverhalten unvoreingenommen ermitteln sollen. 

Der Polizeibeauftragte des Bundes, Uli Grötsch, sieht insbesondere Führungskräfte in der Pflicht, eine klare Nulltoleranz gegenüber Diskriminierung vorzuleben. Für Knut wird das Problem jedoch nicht allein durch mehr Vielfalt in den Reihen der Polizei gelöst. Er befürchtet vielmehr, dass rassistische Polizeigewalt in einem politisch nach rechts driftendem Deutschland in den nächsten Jahren sogar zunehmen könnte. Er hat inzwischen einen eigenen Weg gefunden, mit seinen Erfahrungen umzugehen. Wut und Frust fließen in seine Musik. »Damit ich diese Last von meiner Brust kriege«, erklärt er.
In seinem neuen Lied »Frei« rappt Knut: »Blaulicht an der Ecke, Cop stellt hundert Fragen. Doch wir schlendern nur vorbei, wir haben genug zu tragen.«

Was müsste sich innerhalb der Polizei ändern, damit sein Vertrauen wieder wachsen kann? Knut formuliert es schlicht: »Man bräuchte einfach das Gefühl, ganz normal als Bürger gesehen zu werden und nicht als Täter. Das muss man irgendwie hinbekommen. Dass Vertrauen auf beiden Seiten da ist.«

Über die Autorin:
Lena Arencibia Lemme

Lena ist 24 Jahre alt und studiert Deutsch-Französische Journalistik in Freiburg und Straßburg. Dafür hat sie ihr geliebtes Berlin verlassen. Durch ihren kubanischen Vater (und das Aufwachsen in einer binationalen Familie) entdeckte sie früh ihre Liebe zur Sprache. Im Bachelor entschied sie sich daher nicht zufällig für den Studiengang Sprache und Gesellschaft. Am Journalismus gefällt ihr vor allem die Verbindung zwischen Kreativität, sprachlicher Gestaltung und gesellschaftlichem Engagement. 

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