Wohnungsnot in Freiburg: Kann eine Studentenverbindung eine Lösung sein?

Von Clara Wrede

240 Euro Miete, große Altbauvilla mit Pool, Putzkraft inklusive. Jeder, der versucht, in Freiburg auf WG-gesucht eine Wohnung zu finden, ist schonmal an dieser Anzeige hängen geblieben. Die zehn blauen Männchen, die die Mitbewohner angeben, fallen sofort ins Auge. Es handelt sich um eine Studentenverbindung. Viele klicken nach dieser Information weiter zur nächsten Anzeige. Burschenschaften – die sind doch alle rechts? 

Doch wenn der Studienstart näherkommt und bisher nur Absagen eingetrudelt sind, müssen Notlösungen her. So ging es Niklas*, der erst einen Monat vor Semesterbeginn die Zusage für seinen Studienplatz bekam. Für die ersten Monate zog er in eine Verbindung, ging »bummeln« und besuchte Fechtstunden. Doch welchen Preis zahlt man mit dem Einzug in ein Verbindungshaus wirklich? 

Als Studentenverbindung bezeichnet man Zusammenschlüsse von Studierenden, die durch gemeinsame Werte, Traditionen und Rituale verbunden sind. Die Geschichte der Burschenschaften ist komplex, gezeichnet von inneren Konflikten, gegensätzlichen Ideologien und dunklen Kapiteln. Sie beginnt 1815 in Jena. Aus dem Wunsch nach einem geeinten Deutschland und einer liberalen Verfassung wurden in Universitätsstädten die Urburschenschaften ins Leben gerufen. Dabei ließen sich zwei Strömungen feststellen: der Liberalismus und der Nationalismus. 

Nach der Gründung eines Dachverbandes Ende des 19. Jahrhunderts wurden die liberalen Strömungen immer mehr verdrängt. Zahlreiche Burschenschaften wurden Mitglieder der NSDAP und anderer NS-Organisationen. Ein besonders prominentes Beispiel hierfür ist einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, Heinrich Himmler. Seine Burschenschaft, die Franco-Bavaria München (damals Apollo München) existiert immer noch. Nach Ende des Krieges widersetzten sich viele »Alte Herren« (Mitglieder, die bereits berufstätig oder im Rentenalter sind) dem nach dem Krieg eingeführten Verbindungs-Verbot, gründeten Klubs mit harmlos klingenden Namen und holten sich behördlich beschlagnahmte Immobilien zurück. Die versteckten Treffen waren jedoch nicht lange nötig. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland waren Burschenschaften wieder erlaubt. Häufig wurden führende NS-Propagandisten wieder eingestellt, Soldatentum und die Wehrmacht verherrlicht. Von einer Aufarbeitung der Vergangenheit fehlte jede Spur. 

Wohin das führt, zeigt die folgende Entwicklung: In den kommenden Jahrzehnten wurden zunehmend offen rechtsextreme Verbindungen aufgenommen, man spricht vom Niedergang des liberal-konservativen Flügels. Seit 1980 sind 89 Burschenschaften aus dem Dachverband ausgetreten und die Zahl der Mitglieder ist von 25.000 auf 7.000 gesunken.

Für Niklas ist klar, dass die Verbindungen den Großteil ihrer Mitglieder am Anfang des Studiums bekommen, wenn man keine andere Wohnmöglichkeit findet. »Das Aufnahmegespräch war wie ein normales WG-Casting, nur dass es in einer riesigen Villa stattfand. Und dass es ein gewisses Programm gab, um den Zusammenhalt zu stärken.«  Dazu zählt beispielsweise das »Bummeln« durch die Stadt. Dort wird von Verbindung zu Verbindung spaziert und Bier getrunken. Auf diesen Touren kam Niklas in den Austausch mit anderen Burschenschaften. »Es gibt tatsächlich eine Verbindung in Freiburg, die rechtsextrem ist. Meine Verbindung hatte Kontaktverbot zu ihnen.« In der Vergangenheit hatte die Saxo-Silesia-Verbindung durch Berichte über Hitler-Grüße und Nazi-Musik im Verbindungshaus schon häufiger auf sich aufmerksam gemacht.  Bezeichnend ist ebenfalls die Übernahme des Vorstands der Deutschen Burschenschaft, die als Dachverband des rechtsextremen Spektrums der Burschenschaften gilt. Aber nicht nur die Saxo Silesia wird mit Rechtsextremismus in Zusammenhang gebracht. Auch der »alte Herr« Klaus Harsch der Teutonia-Verbindung betrieb eine gemeinsame Anwaltskanzlei mit der stellvertretenden NPD-Vorsitzenden Nicole Schneiders. 

Nicht nur lokal sorgen Burschenschaften regelmäßig für Schlagzeilen. Besonders hitzig war die Diskussion im Jahr 2011 um die Definition des »Deutschsein«, das als Aufnahmekriterium in eine Burschenschaft gilt. Laut einer Bonner Burschenschaft sei es »in Zeiten fortschreitender Überfremdung nicht hinnehmbar, dass Menschen, welche nicht vom deutschen Stamme sind, in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen werden«. Der Dachverband plante daraufhin, ein Mitglied mit chinesischen Eltern auszuschließen. Abgesehen von dem blanken Rassismus dieser Aufnahmekriterien, ist es nicht möglich, ohne Stammbaum eine Nationalität der Vorfahren nachzuweisen. Laut dem rechten Flügel der Burschenschaften kann ein Mensch »mit nichteuropäischer Gesichts- und Körpermorphologie« nicht deutsch sein. Diese Aufnahmekriterien sind rassistisch und erinnern an die NS-Zeit. 

Niklas waren diese Ereignisse vor seinem Einzug bewusst. Er habe sich vorher gut informiert, um sich keiner rechten Gruppe anzuschließen. »Ich habe meine Bedenken im Casting angesprochen, um sicherzugehen, dass sie weder rechts noch konservativ sind.« Darauf reagierte die Verbindungsmitglieder offen, auch weil sie akut neue Leute suchten.

Hinzu kommen die unschlagbaren Mietpreise der Burschenschaften, die deutlich unter dem Durchschnittspreis von 505 Euro in Freiburg liegen sowie das karrierefördernde Netzwerk. Außerdem kann das Ankommen in einer neuen Stadt dank des sozialen Anschlusses erleichtert werden. Ob Burschenschaften nun eine Alternative zum herkömmlichen Wohnungsmarkt darstellen, muss differenziert betrachtet werden. Hinter den eindrucksvollen Villen stecken jahrhundertealte Strukturen, die sich irgendwo zwischen Traditionspflege, toxischen Männlichkeitsritualen und rechtsideologischen Abgründen bewegen. Niklas Geschichte zeigt jedoch, dass es Schattierungen gibt, Graubereiche, vielleicht auch Glücksfälle. Als ihn nach ein paar Monaten die Zusage zu einem Platz im Studentenwohnheim erreichte, zog er dennoch aus. Trotzdem schätzt er die Jungs in der Verbindung und die Erfahrung, die er dort gemacht hat.

*Name geändert

Über die Autorin:
Clara Wrede

Clara ist 19 Jahre alt und studiert Angewandte Politikwissenschaft an der Uni Freiburg und Sciences Po Aix-en-Provence im Rahmen eines deutsch-französischen Studiengangs. Sie reist gerne mit dem Rucksack um die Welt und interessiert sich für alles, was internationale Beziehungen greifbar macht, ob in fremden Ländern, Projekten an der Uni oder journalistischen Recherchen. 

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